Wer eine Frau ist, der hat es schwer und er wird sehr oft mehrfach-diskriminiert

…wie diese Überschrift als grammatikalisches Beispiel deutlich macht, denn die deutsche Sprache will: „…wer, der…“

Wer etwas schreibt, der hat ein Mitteilungsbedürfnis.

Wer Karriere machen will, der muss sich anstrengen.

Wer einem Frauenmord zum Opfer fällt, der ist meistens selbst nicht ganz unschuldig.

Fängt es also bei der Sprache an mit der Diskriminierung, oder gipfelt Intersektionalität im Sprachgebrauch? Amanda Gorman ist mit ihrem „The hill we climb“ der aktuellste und plakativste Beweis dafür, dass eine Frau immer unter Beobachtung steht. Kein Staatsmann und kein Arbeitsloser hat jemals so viele Gelegenheiten, ins Fettnäpfchen zu treten, wie eine Frau. Wie eine junge Frau. Wie eine – bitte hier beliebiges Diskriminierungsmerkmal einsetzen – Frau.

Nach dem Mord an der Trafikantin in Wien, war nun in Graz in der Idlhofgasse eine Afghanin dran.

Aber was tut es zur Sache, ob es sich beim Mordopfer um eine Nadine, eine Sarah oder eine Fidan handelt? Bleibt Mord nicht Mord? Keineswegs. Denn wie uns medial immer wieder Vermittelt wird: ein anderes Wort für Frauenmord ist Beziehungstat. Da ist sie ja wieder, unsere Sprache, die unser Denken und Sein bedingt. Natürlich wird es immer wieder Menschen geben, die der Sprache nicht so viel Gewicht beimessen und die lieber faktenbasiert denken. Ich kenne viele solche Leute, es sind meistens Gebildete, philosophisch Angehauchte, beschlagene Redner und Argumentierer, Erfolgreiche, in der Öffentlichkeit Stehende. Jene, die sich eloquent echauffieren über das, was sich Frauen herausnehmen, die Gormans, die Nadines, die Maria Magdalenas, die Evas dieser Welt. Auch wenn sie kein hässliches Binnen-I fordern. Wir wissen, was von ihnen zu halten ist.

Während die Polizei noch den Tathergang ermittelt und Nachbarinnen unauffällige Familienverhältnisse schildern oder Solzialarbeiterinnen sehr wohl Bescheid wissen über bereits aktenkundige Gewaltexzesse oder Wegweisungen, ist der männlichen Ehre Genüge getan. Die Rangordnung in der Beziehung ist wieder hergestellt. Wer aufbegehrt, der muss mit Sanktionen rechnen. Wer als Afghanin hierherkommt, wer als Trafikantin in Wien lebt, wer sich mit einem Mann einlässt, der hat mit einem Beziehungsmord zu rechnen. Soviel ist klar, und die Statistik belegt das. Da nützt die ganze Diskussion um den Gender Gap nicht. Das Klatschen für die Pflegekräfte, die im Burn Out gelandet sind, ist ebenso nutzlos, wie das Entsetzen angesichts von Blutlachen, Knochenbrüchen, Stichwunden und verbrannter Haut, hier in unserem schönen Österreich. Unsere Insel der Seligen liegt darnieder, besudelt vom Ehrenmord der Beziehungstat. Ja. Österreich geht verschleiert, wenn es um Aufklärung von Diskriminierung geht. Unser Kopftuch hier tragen wir nicht auf dem Kopf. Wir haben es internalisiert: Frauen haben nicht dieselben Rechte wie Männer. Wer eine Frau ist, der hat vom Leben eben nicht dasselbe zu erwarten wie ein Mann. Bio-logisch, oder?

Darf Amanda Gorman über ihr Kunstwerk und wie damit zu verfahren sei, autonom bestimmen, ihre Kriterien und Wertmaßstäbe anlegen, wie ein Bernhard, ein Handke, ein Beuys? Oder muss sie sich bescheiden und soll sie doch froh sein, dass sie überhaupt zu so viel Ehre gekommen ist, als schwarzes Mädchen? So etwas wäre vor 100 Jahren noch unvorstellbar gewesen. Ein Hurra dem Fortschritt der Gleichberechtigung! Die Frauen haben viel erreicht.

Darf eine Afghanin in Österreich, eine Mutter, eine Ehefrau selbstbestimmte Entscheidungen in ihrem Leben treffen? Darf sie sich neu verlieben? Darf sie ins Laufhaus gehen oder entscheiden, wie sie mit ihren Kindern die Zukunft gestalten möchte? Oder muss sie froh sein, dass sie es aus dem Krieg überhaupt bis hierher geschafft hat – was ihr übrigens ohne ihren Ehemann gar nie gelungen wäre, wie man weiß. Denn wer eine Frau ist, der wird gern einmal vergewaltigt, auf der Flucht und überhaupt. Natürlich ist die Gefahr größer, wenn der Mensch, der eine Frau ist, möglichst jung ist und wenn er schöne Brüste und eine Vagina hat.

Darf eine Feministin solche Artikel schreiben und an Zeitungen verschicken? Natürlich. Wer eine Feministin ist, der darf schreiben was er will. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass es an die Öffentlichkeit kommt, ist halt einfach etwas geringer. Bio-logisch;))

Experten, so weit das Auge reicht

Corona verstärkt die Bildungsmisere und anscheinend ist das Einzige, was uns einfällt, ständig neue Forderung von Experten zu diskutieren. Dabei scheint es ganz egal zu sein, woher diese Experten – ganz selten sind es auch Expertinnen – kommen. Mittlerweile sind wir alle so verunsichert, dass wir nach jedem Strohhalm greifen. Wir wollen alles glauben, Hauptsache der Spuk ist bald vorbei. Aber die Zahlen steigen rasant, die Zahlen in den Intensivstationen und die Zahlen der Expertenmeinungen, die Zahlen der AnalfabetInnen und die Zahlen der BildungsverliererInnen.

Vor 10 Jahren schon haben fast 400.000 Österreicherinnen und Österreicher das Bildungsvolksbegehren unterzeichnet. Ich war in Wien, als Androsch, Glattauer und Salcher in der wohl gefüllten Aula der Industriellenvereinigung die Bedürfnisse und Notwendigkeiten eines modernen Bildungssystems darlegten. Im Publikum viele Mütter, auf der Bühne Experten. Auf die Frage, wie viele der Anwesenden ihre Kinder in Privatschulen hätten, hoben damals zwei Drittel der Anwesenden die Hände.

Warum fällt mir das heute ein, wenn ich den Artikel „Experten fordern: Schulen im Sommer auf!“ in der Kleinen Zeitung lese? Zuerst einmal, weil so viel Zeit vergangen ist seither. Zwei meiner vier Kinder sind nicht mehr im Schulsystem. Ich bin zehn Jahre älter und mutloser geworden. Ich würde heute wohl nicht mehr Androschs Ruf nach Wien folgen. Ich fühle mich zu alt, zu schwach, zu missverstanden und habe außerdem gerade COVID. Aber ich bewundere Androsch und Glattauer, dass sie des Rufens nicht müde werden. Wir werden gestorben sein und nichts wird sich geändert haben. Von der bevorstehenden Bildungsreform hat man schon in den Achtzigern geredet, als ich zur Matura ging.

Die prekäre Situation unserer Kinder, die Tatsache, dass nach einem Jahr Pandemie immer noch Kinder ohne brauchbare Endgeräte für Homeschooling dastehen, schreit in einem Land des Wohlstands zum Himmel. Beim Wort „Deutschförderklassen“ wird mir mittlerweile schlecht. Als DaF-Trainerin – ich unterrichte Deutsch als Fremdsprache nach Abschluss meiner universitären Ausbildung seit 1991 – plädiere ich für „Menschlichkeitsförderklassen“. Meine Schülerinnen und Schüler, die in den letzten Jahren gute Fortschritte gemacht haben, verdanken ihren Erfolg nicht irgendwelchen Förderklassen, sondern sich selbst – und in den meisten Fällen ihren Müttern, die für sie kämpfen wie Löwinnen.

Wer es nicht geschafft hat, in den ersten zehn Lebensjahren Deutsch zu lernen, obwohl er / sie hier geboren ist, dem / der ist auch mit einer Deutschförderklasse im Sommer nicht zu helfen. Sprachstandserhebungen nach Abschluss von drei Kindergartenjahren zeitigen seit Jahren schreckliche Ergebnisse, die ich noch nie öffentlich diskutiert sah. Einmal schrieb ich einen Brief an die Landesschulbehörde, mit Fotos von den „Kindergartenzeugnissen“ und einer dringenden Anfrage, wie denn so etwas möglich sei?  Nach drei Jahren Kindergarten verstehe ein in Deutschlandsberg geborenes Kind keine Wer-, Wie-, Wo- und Was-Fragen, die Mutter aber kommt stolz zu mir in die Frauenberatungsstelle und zeigt mir das „Zeugnis“ (nämlich die Sprachstandserhebung) ihrer Tochter, die jetzt schulreif ist. Gerührt. Mit Tränen in den Augen, denn lesen kann sie selber nicht.

Die Landesbehörde schickte mein Schreiben an die Bezirksschulbehörde, von dort rief man mich an, was ich denn mit meinem Schreiben bewerkstelligen wolle. Als ich sagte, ich wollte nur zu bedenken geben, dass hier etwas nicht stimmen kann, meinte die Amtsperson: Keine Sorge! Wir werden uns darum kümmern. Wir dachten schon, Sie wollen Schwierigkeiten machen.

Ich bot meine fachliche Expertise an. Man wünschte mir schöne Sommerferien.

Zu welchem Schluss kann ich also kommen, zehn Jahre nach Salchers talentiertem Schüler, mitten in einer unberechenbaren Pandemie? Nur so viel: Wir sind die Expertinnen!

Jede von uns ist die beste Expertin für ihr Leben und weiß, was sie sich zutrauen kann und wie sie es schaffen kann. So traurig das auch klingt. Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen. Und jeden Tag die Nachrichten in einfacher Sprache zu hören und zu lesen, täglich zehn Minuten zu schreiben und abends im Bett drei Seiten in einem Buch zu lesen, hilft mehr als eine Abstimmung darüber, wer sich wann zu welcher Förderklasse im Sommer anmelden darf. Die Zeit läuft. Wer nicht lernt, verblödet.

Wechselbeschwerden

Weil es mir wichtig ist und aus rechtlichen Gründen schicke ich voraus, dass sämtliche Personen, Namen und Orte in dieser Geschichte frei erfunden sind und Ähnlichkeiten mit mir Bekannten oder Unbekannten zufällig und unerwünscht.

Mein Umfeld hat mit mir Wechselbeschwerden. Nicht dass es bisher mit mir leicht gewesen wäre, nein. Aber wer hätte gedacht, dass ich jetzt, wo ich doch nun wirklich schon in die Jahr gekommen bin, sozusagen: jenseits von Gut und Böse, noch eine zweite Pubertät würde durchmachen müssen. Und meine Familie mit mir?

Begonnen hat alles mit einer Hitzewallung im September, im vorvorigen September, die ich damals noch nicht als solche erkannte. War es doch meine erste. Als Mehrkindmutter hielt ich meinen befremdlichen Zustand für eine Art Dreitagesfieber, einen Entwicklungsschub also, den zum Beispiel Babys durchmachen, wenn sie bemerken, dass es keinen Sinn hat, einfach nur zu sein. Denn: You are part oft he game! Mitmachen oder sein lassen, schoss es mir ein.

Während Babys aber entdecken, dass sie mitspielen wollen und wichtig sind, wollte ich nun plötzlich aussteigen und nur mehr mir selbst wichtig sein. Wir alle kennen „Lola rennt“. Mit meiner ersten Hitzewallung startete ich die Inszenierung von „Oma geht“. Aber auch das war mir damals noch nicht so bewusst. Vielmehr überkam mich nur eine Art Angstschweiß, der sich in meinem Hirn in der Frage manifestierte: „Ist das alles?“

Der Geburtstag meines Mannes stand an, der mit dem 25 Geburtstag meiner Tochter zusammenfiel. Und wie an allen Familiengeburtstagen, meinen natürlich ausgenommen, scheute ich nicht Kosten noch Mühen, ein in Erinnerung bleibendes Fest zu organisieren. Ja. Warum soll ich es nicht sagen: Es war das erste Mal, dass ich erkannte, dass diese Geburtstage und die dazugehörenden Feierlichkeiten für mich wichtig waren. Sie hatten sich in den letzten 35 Jahren zu meinem ganz persönlichen Kalender, zu meiner internen Zeitrechnung entwickelt. Während an meinen Geburtstagen die Message: „Ist ja nicht so schlimm! Du bist halt wieder ein Jahr älter.“, mir tröstend auf die Schulter klopfte, ging bei allen anderen Familienmitgliedern zum runden, zum halbrunden, zu jedem einstelligen und erst recht zu jedem zweistelligen Wiegenfest die Party so richtig ab. Nicht zuletzt auch, weil ich als Festatgsrednerin der Familie es gewohnt war, die richtigen Worte zu finden.

Diesmal nahm ich in der Rede meinen indirekten Abschied. Ich bedankte mich für die vielen schönen Jahre im Kreise meiner Lieben und hielt einen Rückblick auf das, was wir alles gemeinsam gemeistert und geschaffen hatten. Die Gäste lauschten mir mit erhobenen Gläsern und dem Einen oder der Anderen traten Tränen in die Augen, alle Kinder waren mit ihren LebenspartnerInnen zugegen, auch die Enkelkinder waren anwesend. Familienfreunde waren dabei. Als ich endete mit den Worten: „Und nicht zuletzt möchte ich mich dafür bedanken, dass ich so lange Teil dieser wunderbaren Familie sein durfte,“ rief die Buchhalterin meines Mannes, die mit ihrer Familie eben solange zur Familie gehörte wie ich selbst: „Das kann sie halt, unsere Eva! Wunderschöne Reden schwingen. Prost und alles Gute!“ Die Gläser klirrten. Alle prosteten und lachten und die Torte wurde angeschnitten.

Meine Tochter defilierte mit ihrem Weinglas, drückte mich und fragte besorgt, ob denn alles in Ordnung mit mir sei. Die Schwester meines Schwiegervaters, die den nach Thailand entflohenen Teil der Familie repräsentierte, gratulierte mir zur gelungenen Rede mit den Worten: „So hab ich das noch gar nicht gesehen. Bisher habe ich dich immer für eine herrschsüchtige Person gehalten, der nichts und niemand gut genug ist. Ich fürchte, ich muss meine Meinung über dich revidieren und mich fast entschuldigen.“

Ihre Böswilligkeit erreichte mich schon nicht mehr und zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass mir nicht mehr einmal an einer letzten Abrechnung lag, schon gar nicht an einer Entschuldigung von irgendwem. Am darauffolgenden Wochenende fuhr ich nach Kroatien, mit zwei Freundinnen, lernte in der Strandbar einen Hamburger kennen und genoss vier Stunden später den ersten One-Night-Stand meines Lebens. Mein letzter ehelicher Verkehr lag Jahre zurück. Dass ich seit Jahrzehnten nur noch mit mir selbst freudvollen Sex hatte, habe ich bis zum vorvorigen September nicht einmal bedauert. Ich hielt es für biologisch gegeben, dass Frauen, insbesondere solche mit vier Kindern und zwei Enkelkindern, auf ein abgeschlossenes Sexualleben zufrieden zurückblickten, während Männer anscheinend ein lebenslängliches Anrecht auf Kopulation mit jungen, körperlich attraktiven Partnerinnen hatten. Soweit das Auge reichte, sah man Laufhäuser und männliche, weiße Role Models mit Frauen an ihrer Seite, die ihre Töchter oder Enkelinnen hätten sein können. Ich hielt den Verlust meiner Libido für biographisch vorhersehbar und chronologisch-natürlich bedingt. Die Natur der Frau ist es, Leben zu gebären, während die Natur des Mannes ihn dazu zwingt, seinen Samen zu spreaden, wo auch immer sich Gelegenheit dazu ergibt. Nun gut. Auf so einen Superspreader war ich in jener lauen September Vollmondnacht am Strand gestoßen und Gioconda Bellis Mondhitze überkam mich.

Dieses Weihnachten fiel der Truthahn aus, Silvester feierte ich mit meinem Kurschatten in Nizza, der sich sehr erfreut zeigte, über meine sexuelle Revolution, die ich eingeläutet hatte, sofort aber anmerkte, dass ihm das nur Freude machen würde, solange ihm aus dem Vergnügen keine Kosten entstünden, wie zum Beispiel diese Dreitagesreise, die er sich etwas habe kosten lassen. Erste Klasse Flug. Negresco. So würde das selbstverständlich nicht weitergehen. Immerhin hatte er familiäre Verpflichtungen, die sich in seiner Wohnung und in der Organisation seines Privatlebens nicht übersehen ließen und die auch in unserer sich eben erst zart anbahnenden Beziehung mehr als präsent waren. Nie habe ich mit irgendjemanden so viel über Schwangerschaft, Kinder, Geld und Sicherheit gesprochen, über verpasste Chancen und über das Recht sich auszukotzen. Wir begruben den Plan, jemals wieder zusammen auf Kur zu fahren.

Im darauffolgenden Sommer sah ich die Kids nur noch sporadisch und ich hörte vollends damit auf, mir über sie den Kopf zu zerbrechen. Ich konnte ihre teilweise recht befremdlichen Arten, ihre Leben zu führen, wohl genau so wenig nachvollziehen, wie sie meines, hätten sie sich Mühe gegeben, sich in mich hineinzuversetzen. Ich erkannte klar und deutlich, dass ich nun an der Schwelle stand, wo sich das Kräfteverhältnis umkehrt. Meine Mutter, Gott hab sie selig, sagte immer: „Irgendwann werden die Kinder zu Eltern und die Eltern zu Kindern.“ Das war mein aktueller Standpunkt, an dem ich mich verortete. Hier war der Ausgangspunkt meiner Menopausenreise. Ich hatte es in der Hand, meinen Kindern zur Last zu fallen, oder meine ideellen Koffer zu packen. Und in einer neuerlichen Hitzewallung überkam mich die Erkenntnis, dass ich zwar mein ganzes Leben lang für alle Kredite mitunterschrieben hatte, mir aber davon nichts geblieben war, als der Eintrag ins Grundbuch auf ein Halbes, das mit einer ganzen Firma und ihren Schulden belastet war. Und mag es auch richtig sein, dass es selten Frauen gibt, die trotz mehrerer Kinder ein Leben lang selbst erwerbstätig sind und verdienen, so war an meinen Finanzen ebenso ersichtlich, was man flott den Gender-Gap nennt. Das erste Kind hatte Einkommensverluste meinerseits gezeitigt, die an die statistischen 40% ohne weiteres herankommen. Hätte jedes weitere Kind weitere 20% bedeutet, dann würde ich heute realiter nur mehr auf Pump leben, mit einer ebenso statistischen Lebenserwartung von weiteren 30 Jahren. Lang genug hatte ich diese Gedanken von mir geschoben. Lang genug hatte ich auf Sommerurlaube verzichtet, fuhr nur Schi, wenn auch die Buchhalterin und ihre Familie Lust auf Schiurlaub hatten und gönnte mir besonders in meiner arbeitslosen Zeit nach der Krebsoperation und dem Burn out nicht einmal neue Jeans vom H&M oder einen Friseurinnenbesuch. Nun war Schluss. Ich wollte mir nicht mehr von den braven Frauen in meiner Verwandtschaft erzählen lassen, dass ich ohnehin auf meine Kosten käme. Obwohl ich mein Haus so selten putze und mit meiner Religionslehrerinnenrunde schon zweimal die letzten fünf Jahre auf dreitägigen Hüttenwanderungen war, wollte ich jetzt aufbegehren. Endlich einmal wollte ich auf den Tisch hauen und nicht mehr nur lesen von den bösen Mädchen, die nicht in den Himmel kommen. Und ich bat meinen Mann um die Scheidung.

Der fiel nur nach außen hin nicht aus allen Wolken. Obwohl er alle meine Wünsche zu unserem gemeinsamen Leben stets mit einem kopfschüttelnden Lächeln abgetan und mich vor Freunden und Bekannten mit Vorliebe als weltfremd und sozialromantisch hingestellt hatte, sah ich, dass er nun den Atem anhielt und den Ernst der Lage erkannte. Vielleicht schoss es ihm auch durch den Kopf, dass er irgendwo auch meinen Träumen einmal hätte nachgeben können, dass ich vielleicht, so wie er, auch gerne meine eigene Firma, mein eigenes Mietshaus, mein eigenes Motorrad gehabt hätte. Damit, dass ich unser gemeinsames Projekt, nämlich die Kinder, als abgeschlossen betrachten könnte, hatte er nicht gerechnet. Wahrscheinlicher wäre ihm noch erschienen, ich hätte Selbstmord begangen, so wie etliche Frauen in meinem Alter. Er war relativ sprachlos und nickte nur: „Ja, von mir aus.“

Er konnte meinen Scheidungswunsch auch nicht auf meine Wechselbeschwerden zurückführen. Wie auch? Alles Hormonelle oblag seit Jahr und Tag mir. Mit dem Geld, das ich verdiente, konnte ich nicht nur alle Kredite besichern, ich war auch ein Leben lang für meine Verhütung und alles was mit meinem Körper zu tun hatte aufgekommen, natürlich auch für alle Pampers, Kindertagesstätten und gesundheitliche Angelegenheiten im weitesten Sinne, die mich und die Kinder betrafen. Ich erinnere mich noch, als wir einmal bei einem Spaziergang mit den Noch-nicht-Schulkindern besprachen, wie ich denn nun weiter mein Leben und wohl auch meine Verhütung finanzieren wollte, wenn ich die Wiedereinstellungsfrist als Sozialarbeiterin bei der Caritas nicht einhalten könnte, weil im Sommer keine Kinderbetreuung in Tschillmitsch zur Verfügung war. Mein Mann zeigte sich wohl an der Problematik interessiert, brachte sich auch insofern in die Diskussion ein, als er feststellte, er könne sich lediglich um seine Firma kümmern und das sei mit mehr Sorgen verbunden als ich mir überhaupt ausmalen könne, aber im Übrigen seien das wohl meine Angelegenheiten. Das hätte ich mir schon früher überlegen müssen. Mit dieser Haltung begleitete er mich durch meine Ehejahrzehnte. Keinen Tag war ich während meiner unverschuldeten Arbeitslosigkeit im Sozialbereich bei seiner Firma angemeldet, von Ersatzpensionszeiten, die er mir finanzieren hätte können, wollte er nichts wissen. Zu Weihnachten schenkte er mir einen Mund- und Nasenschutz.

Der Wechsel kam mir also wie gerufen und das Fieber der inneren Hitze fuhr mir ins Gehirn. Wenn ich etwas sicher wusste, dann war es das: Nie wieder würde ich so leben, wie in den letzten zwanzig Jahren. Meiner Mutter, der Feministin, sei Dank, dass sie mir schon im Kindergartenalter darüber Vorträge gehalten hatte, dass eine Frau berufstätig sein muss und ihr eigenes Geld braucht. Auf diese Art und Weise konnte ich den Kindern neben der Zusatzversicherung auch so manchen Computerkurs und ähnliches finanzieren, was mein Mann nur für hinausgeschmissenes Geld gehalten hatte – und mir dräut eine kärgliche, aber immerhin eigene Pension. Nein. Ich würde nicht weitere Jahrzehnte neben einer heraushängenden Steckdose schlafen, die Verantwortung für sich chronisch verstopfende Abflüsse übernehmen und wegen Abstattungsaufforderungen von Konsumkrediten nicht ans Meer fahren. Diese Zeiten waren vorbei.

Wie in Lola rennt, kamen mir Visionen verschiedener Austrittsszenarien vors innere Auge. Bilder vom Scheitern und Bilder vom Weitermachen. Eines aber war vollkommen klar: Oma geht.

Die Feministin und der Piefke

Rital Santoro Falsone spricht über ihr poyglottes Leben als Weltenbummlerin. Mit bald 80 Jahren ist sie nach wie vor voller Pläne für neue literarische Projekte.

Anita und Gernot, unser Datingplattform-Pärchen, kommt endlich, endlich zur Sache. Da gab es schon Anfragen, wie lange das noch so weitergehen soll, ohne einen Schritt vorwärts. Bitte! Nun haben sie es geschafft.

Willi Walter ist der Kommissar, also eigentlich ein degradierter, denn nach einem Fehltritt ist er nur mehr Polizeimeister in einer kleinen, bisher namenlosen Ortschaft. Aber wie es seine Aufgabe ist, geht er um. Und nicht nur das! Er fällt auf ein Schwein und trifft am selben Schauplatz auch noch auf seine Ex-Frau, die mittlerweile Karriere gemacht hat. Sein Leben ist nicht leicht. Aber wer hat schon ein leichtes Leben?

Wir bedanken uns bei unseren Hörerinnen und Hörern für ihre Aufmerksamkeit und freuen uns über eure Kommentare.

Solltet ihr eine der Folgen nachhören wollen oder interessiert es euch, welche Sendungen wir schon gemacht haben – oder was der Piefke ohne Feministin produziert hat? Hier gehts zum Cultural Broadcasting-Archiv des Freien Radio Salzkammergut:

Werbung 2021

Sie möchten um zwei, drei Jahre jünger aussehen?

Sie holen ihre Tochter von der Schule ab und werden für ihre Schwester gehalten! Allein das richtige Auto macht es möglich.

Nach dem Abgasskandal finde ich diesen Genderskandal echt hinreißend.

Und was sagen die Verantwortlichen, angesprochen auf dererlei unglaublichen Sexismus? – Das sei doch ein Kompliment. Diese Werbung setzt auf starke Frauen. So hat man auch im vorigen Jahhrhundert schon gute Werbung gemacht. Kunst hat eben Tradition. Und Werbung ist Kunst.

Kunst zeigt eben gerne nackte Frauen, und Werbung bedient sich unserer Wünsche. Frauen wollen schön sein und ewig jung. Plakative Werbung hilft uns dabei. Auch in diesem Jahrhundert. Ja, ja! Die Boys von der Automobilindustrie wissen, wie der Hase läuft.

Wenn Frauen in das Alter kommen,

in dem sie ihre Zehennägel nicht mehr selbst schneiden können,

merken sie meistens, dass etwas nicht so ist, wie es sein sollte.

Davon hätten sie niemals geträumt,

dass sie eines schönen Tages ihre Zehennägel nicht mehr

selber schneiden können.

Sie bitten ihre Freundinnen oder ihre Töchter, ihnen zu helfen,

oder sie gönnen sich eine professionelle Pediküre,

bevor der Sommer kommt.

Das kostet nicht die Welt.

Wenn Männer in das Alter kommen,

in dem sie ihre Zehennägel nicht mehr schneiden können,

haben sie entweder Ehefrauen, die ihre Zehennägel schneiden,

oder Zweitfrauen oder Geliebte, die ihnen gerne die Zehennägel schneiden,

oder sie können sich ohne Probleme Fußpflegen leisten

und während sie den Service genießen,

hängen sie denselben Träumen nach,

die sie schon in ihrer Jugend pflegten.

Willkommen 2021!

Vor einem Jahr hat meine Tochter mir diesen Blog-Zugang geschenkt. Das war ein wunderbares Weihnachtsgeschenk. Wunderbarer noch, dass sie es heuer als Weihnachtsgeschenk verlängert hat! DANKE!

Glückskekse und Regenbogen zu Jahresbeginn

Der erste Beitrag in diesem Jahr ist der Politik geschuldet. Die Grundfesten der Demokratie sehen wir in Frage gestellt, wenn in Moria und Lipa, in Kara Tepe und ähnlichen, nicht zu seltenen Unterkünften, jede Menschlichkeit fehlt.

Und wenn dann auch noch in den USA ein Marsch aufs Kapitol stattfindet, geradeso wie Margaret Atwood es uns schon in den 80ern des vorigen Jahrhunderts im „Report der Magd“ prophezeite, dann hilft Gedichte schreiben wahrscheinlich wenig. Aber es schadet auch nicht.

Immer öfter entdecke ich, dass mein Schreiben therapeutisches Schreiben ist.

Lido di Venezia

Weihnachten ist noch nicht so lange her. In manchen Wohnzimmern steht noch der Christbaum bis Lichtmess. Daher noch einmal mein Weihnachtsgedicht:

Für Moria ein Lichtermeer am 17.12.2020

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt.

Ein Flüchtlingskind an Bodrums Strand

macht diese Szene allbekannt.

Ein Bild bereist die ganze Welt,

weil Menschlichkeit und Güte fehlt.

Advent , Advent, zwei Lichtlein schon.

Was ist der vielen Kinder Lohn,

die hungern, sterben ohne Wahl,

derweil wir singen von Bethlehems Stall?

Advent, Advent, der Lichtlein drei.

Ob irgendwo noch Rettung sei,

und Schutz und Schirm und gutes Leben?

Wer kann dem Lager Hoffnung geben?

Advent, Advent, nun brennen vier.

Zu Flucht und Unrecht schweigen wir,

weil wir uns selbst am nächsten sind.

Was will ein fremdes Flüchtlingskind?

Advent, Advent ein Lichtermeer.

Es zaubert keine Hilfe her.

Denn all der Kerzen mildes Licht

beendet Morias Schicksal nicht.

Dort wird geboren und begraben,

weil wir es so entschieden haben.

Moria ( zweiter Versuch in Reimen )

Moria, jetzt: Kara Tepe

Griechenland, bei Flut und Ebbe.

Flüchtlingsströme, Regen, Wind,

kein Zuhaus für Frau und Kind.

Mann und Hund am A. der Welt,

hoffen, dass der Glücksstern fällt.

Kind und Mann im Kampf ums Leben.

Frau und Hund, die sich ergeben,

in des Schicksals stumpfe Mühlen.

In Sumpf und Dreck nach Essen wühlen.

Haus und Hof zerbombt, verlassen,

wälzen sich die Menschenmassen

zu den Ärzten ohne Grenzen,

die mit Erster Hilfe glänzen.

Ein Tropfen nur auf heißem Stein,

kann niemals genügend sein.

Hunger, Durst, der Kälte Pein.

Nass, verletzt, entsetzt, allein.

Es gibt kein Vorwärts, kein Zurück.

Überleben heißt schon Glück.

Lichtermeer! Kannst Du uns retten?

Gibt´s für all die Seelen Betten,

die da betteln um ihr Recht?

Achtet drauf, so oft ihr sprecht!

Ein Wunder nur ist´s – hör gut zu –

dass die dort leiden. Und nicht du.

Ich lebe ein ganz normales Leben. Das heißt, seit diesem Frühjahr lebe ich die neue Realität. Meine Kinder, mein Mann und meine Freunde haben sich von mir abgewandt, nicht meinetwegen, sondern um Kontakte zu reduzieren. Social Distancing. Das hat übrigens auch mein Arbeitgeber gemacht. Alles was sich nicht rentiert, hat er gegen null reduziert. Das ist auch zu meinem Besten geschehen, wie mir der Betriebsrat meiner Ex-Firma versicherte. Auch soziale Unternehmen müssen darauf achten, in Zeiten wie diesen ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht zu verlieren. Stammpersonal geht vor. Das ist klar. Leider habe ich keinen Stamm und leiste daher keinen nennenswerten Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit.

Das Schöne an der neuen Situation ist, dass ich jetzt ganz viel Zeit für mich habe. Komischerweise habe ich mir Jahrzehnte lang das eine oder andere Stündchen Zeit für mich gewünscht. So ist, was sich nie realisieren ließ, plötzlich eingetreten und all die Stunden, die ich mir jemals für mich allein in meinem Zimmer erträumt hätte, kann ich jetzt seit März genießen, am Stück sozusagen.

Zuerst nannte ich die neu gewonnene Zeit „Freizeit“, ja manchmal sogar „meine neue Freiheit“. Aber wenn ich mir ansehe, was nun daraus geworden ist, dann frage ich mich, wie das alles weitergehen soll. Alle Kästen sind geräumt und aussortiert. Alle Bücher sind bereits ein zweites Mal gelesen. Bei manchen Filmen, die früher meine Lieblingsfilme waren, kann ich schon mitsprechen und bei Netflix lasse ich den Zufallsgenerator entscheiden, welche Serie, welche Staffel und welche Folge es sein soll, um wenigsten noch einen kleinen Überraschungsmoment zu erleben.

An Bewerbungsgespräche ist in Zeiten wie diesen in meinem Fachbereich nicht zu denken. Wer würde auch schon akademisches Personal 50 plus engagieren, bei dem Lehrstellenmangel und der hohen Jungendarbeitslosigkeit unserer Tage. Ich wüsste ohnehin gar nicht, was ich mit mehr Geld als der Mindestsicherung machen sollte. Vielleicht Weihnachtskekse backen und den Advent vorbereiten? Doch was ich zubereite, esse ich Größtenteils selbst, oder zumindest alle Reste davon und da das Thermometer tagsüber immer noch auf 18 Grad klettert, stellt sich auch keine vorweihnachtliche Stimmung ein. Finger weg auch von den Lebkuchen und den Schokoschirmchen im Supermarkt!

Ich habe gelernt, meinen Tag zu strukturieren, vor allem damit, dass ich mir einen seit meiner Oberstufenzeit gehegten Wunsch erfülle. Ich lerne Französisch. Dadurch, dass ohnehin niemand mit mir spricht, kann ich mir vorstellen, ich lebte in Paris. Also höre ich mir um 6 Uhr morgens als erstes die französischen Nachrichten an. Als ich noch berufstätig war, hörte ich für gewöhnlich das Morgenjournal auf Ö1 und war mir dabei durchaus darüber im Klaren, wie privilegiert meine Art zu leben war. Ich konnte den Kindern täglich das Frühstück richten, ihnen Jausenbrote schmieren, für uns alle Smoothis richten und dann meinen Weg zur Arbeit so antreten, dass ich die Kinder an ihren Schulen oder später dann am Bahnhof absetzte. Den Einkommensverlust der Teilzeitbeschäftigung wog meine Liebe zu den Kindern auf und ganz ehrlich: Auch wenn ich 30 Stunden oder Vollzeit gearbeitet hätte, die letzten zehn Jahre: Ohne Ausgleichzulage käme ich weder jetzt noch in der Pension über die Runden.

Nach meinen französischen Übungen kommen meine Yoga-Positionen an die Reihe. Der Sonnengruß, der Herabhängende Hund, der Adler und der Schmetterling, wobei ich den Herabhängenden Hund meistens mit dem Einräumen der Waschmaschine verbinde. Daran, dass sich vor der Waschmaschine täglich Berge von Wäschestücken türmen, merke ich, dass ich doch nicht allein im Haushalt lebe. Andere Indizien dafür sind der rasante Verbrauch von Klopapier, Haarshampoon und Zahnpasta. Naja. Wenigstens die Grundbegriffe der Hygiene konnte ich ihnen vermitteln.

Gegen 10 Uhr schalte ich den Laptop ein und beantworte meine Mails. Meine ehemaligen KlientInnen schreiben mir und teilen mir ihre Sorgen mit. Ihre Sprachkenntnisse und ihre Rechtschreibung machen es mir einfach, weiterhin zu glauben, ich lebte in Paris, denn Deutsch ist das nicht. Dann beginne ich mein Tagwerk, das meiner vormaligen Berufstätigkeit nicht unähnlich ist. Eine Routine, die sich erst jüngst herausgeprägt hat. Das sind meine Telefongespräche mit dem Jö-Kundenservice, denn vor drei Monaten hat mein Sohn meine Jö-Karte beim Einkaufen verloren. Seither befinde ich mich auf einer Odyssee durch das Jö-Serviceangebot. In der Hotline fällt es mir ebenfalls leicht, meinen französischen Akzent beizubehalten, obwohl ich nicht den Eindruck habe, dass das dort jemandem auffällt. Wie jeden Tag gebe ich meine Kundennummer, meine Kartennummer, meine Adresse und mein Geburtsdatum durch. Ich erzähle, wie es zum Verlust der Jö-Karte kam, erhalte eine E-Mail, wo ich auf einen Bestätigungslink klicken muss, damit ich noch eine E-Mail erhalte, und dort einen Link anklicken kann, damit eine Maske erscheint, in die ich meine persönlichen Daten fülle und wo ich anschließend ein neues Passwort bekannt geben muss. An vielen Tagen klappt der Ablauf nicht einmal bis zu diesem Schritt. Manchmal, nach drei oder vier Telefonaten – wie viele Stunden ich insgesamt schon mit den Hotline-MitarbeiterInnen gesprochen habe, kann ich nicht sagen – gratuliert mir mein Jö-Ansprechpartner oder meine Jö-Ansprechpartnerin, dass ich nun den Marathon geschafft hätte und die neue Mitgliedskarte, die ich vor acht Wochen bestellt habe, nun endlich wirklich auf dem Weg zu mir ist. Bis dahin könne ich mit den beiden jeweils siebenstelligen Nummern an den Merkur und Penny Kassen meinen Mitgliedsbonus eintragen lassen.

Allerdings hat sich noch bei jeder weiteren Shoppingtour, die der Lebensmittel- oder Hygieneartikelbeschaffung dient, herausgestellt, dass das Kassenpersonal entweder unfähig oder unwillig ist, die von mir auf einem Zettel in der Handtasche immer mitgeführten Kundendaten einzugeben. Mittlerweile wurde mir sogar die einst verlustig gegangene Karte vom Schicksal wieder zugespielt. Mein Sohn hat sie unter dem Autositz seiner Freundin wieder angefunden. Im ersten Augenblick war ich glücklich, denn nun würde ich einfach die Karte vorweisen und ohne Kommunikation, in welcher Sprache auch immer, auskommen. Das Warten auf die neue Karte hätte ein Ende, die Telefoniererei, die Bestätigungsklicks der Bestätigungs-E-Mails, die mich durch den gesamten Herbst begleitet hatten. Fast war ich ein wenig wehmütig, als ich mich heute mit meinen vier Artikeln an der Penny-Kassa angestellt habe.

Als ich der Kassiererin die Karte reichte und die Waren in meinen Korb legte, sagte sie, gerade als sie mir die Karte zurückgeben wollte: „Moment! Da stimmt was nicht. Ihre Karte ist ungültig.“ Ich gab die Kurzfassung meiner Jö-Story zum Besten und sah, wie die Kassiererin und auch die Menschen in der Schlange hinter mir nervös wurden. „Am besten rufen Sie die Jö-Hotline an“, sagte sie.

„Das habe ich schon mehrmals getan“, seufzte ich.

„Ja. Geduld! Die sind dort sehr bemüht. Aber das dauert eben.“

Dann werde ich halt nicht mehr in den Jö-Filialen einkaufen, schwöre ich mir. Doch im Grunde genommen weiß ich, dass ich morgen, nach den französischen Nachrichten, nach dem Herabhängenden Hund und der Beantwortung meiner E-Mails nicht umhinkönnen und die Hotlinenummer wählen werde. Aus Gewohnheit. Mein ganzes Leben lang habe ich Routinen gepflegt. Warum sollte ich gerade jetzt, wo ein neuerlicher Lockdown ins Haus steht, auf liebgewonnene Alltagsriten verzichten. Es gibt keine Kontakte, die ich weiter minimieren könnte. Nach 20 Uhr bin ich sowieso nie außer Haus gegangen, schon wegen der Kinder nicht. Vor 6 Uhr liege ich im Bett. Mittlerweilen zwar alleine, aber in Vorfreude auf meine französischen Übungen.

Freedom

Kormorantrio im Abendrosa

Text: Mark Klenk

your freedom

freedom is not something

i can give you

i don ´t have your freedom

i can offer your freedom

               room to breath

               a place to grow

i can respect you

and celebrate with you

you are master

               of your own happiness

i can not give you freedom

but i can promise

               not to imprison you

ride your freedom like pegasus!

               a flying warrior

               which carries you on ist back

i can´t give it to you

you have it yourself

i can just offer

               to stand at your side

               to accompany you

keeping it strong

keeping your freedom free

it is in you

Sechsblütige Amaryllis

Vor einiger Zeit las ich dieses Gedicht von Mark Klenk. Es berührte mich sehr und anfangs war mir gar nicht klar, warum meine Gedanken immer wieder zurückkehrten zu den englischen Worten.

Das Geheimnis, das dieses Gedicht für mich offenbart ist, dass Freiheit nicht nur etwas Gefühltes ist, das uns gegeben oder nicht gegeben ist, je nachdem in welchem Regime wir leben, unter welchen Umständen, in welchen Partnerschaften. Wir bringen unsere Freiheit mit und tragen sie mit uns. Was für eine Person ausreichend an Freiheit ist, kann für die nächste noch gar nicht als Freiheit zu erkennen sein. Was für mich Freiheit ist, kann für dich ein enges Gefängnis sein. Freiheit ist sehr individuell. Was Marks Worte aber klar machen ist, dass wir mit unserem Handeln im Alltag Bewusstsein dafür schaffen können, dass Freiheit existiert, als Wert, als durchaus verhandelbares Gut.

Nächtlicher Hafen

Mir steht so vieles frei, mehr als ich mir denken und ausmalen kann. Und doch ist es leichter, die Freiheit in Grenzen zu finden, sie dort zu definieren, wo sie ansteht, aneckt, ankommt, um auf sich aufmerksam zu machen. Freiheit ist in jedem Fall das Selbstgewählte. Die selbstgewählte Weite, der Blick übers Land, in den Himmel, auf das Meer sind Freiheit, ebenso wie die eigenen vier Wände, meine Liebesbeziehung zu einer destruktiven Persönlichkeit, die Entscheidung Kinder zu haben oder mich für eine Abtreibung zu entscheiden.

hüben wie drüben trüb

Freiheit ist nicht immer schön. Freiheit kann eine schwierige Aufgabe sein. Es ist nicht Sinn der Freiheit, sich zu rechtfertigen und doch wird es uns ein Anliegen sein, den Menschen, die wir lieben, mit denen wir unser Leben teilen wollen, die Freiheit, die wir brauchen zu erklären.

Zwei Boote im Blau

Freiheit kann man nicht verschenken. Menschen, die sich gefangen fühlen, tun das auch in ihrer Freiheit. Sie nutzen ihre Freiheit dazu, sich selbst ständig die eigenen Grenzen aufzuzeigen und daran zu verzweifeln. Freiheit kann ich dir nicht geben, aber ich kann dir helfen, deine Freiheit zu erhalten, wenn du sie in dir selbst gefunden hast. Ich kann dich daran erinnern, dass du sie reiten kannst, wie den stürmischen Pegasus oder kuscheln, wie deine flauschige Schmusedecke. Du kannst sie mit kühnen Zukunftsplänen aussenden und du kannst sie nutzen, um den ersten zaghaften Schritt zu machen. Du kannst sie dir natürlich auch sparen, aufsparen oder ersparen.

In jedem Fall wird eines sehr klar: Freiheit ist eine Lebensaufgabe, eine Einstellung zu all den Möglichkeiten, die wir sehen oder ergreifen oder leugnen und unbeachtet lassen. Die Camera Magica, die der Freiheit ihre Form gibt, die mir und meinem Charakter entsprechende Gestalt, das bin immer nur ich.

Danke Mark!

Optimisten bei Sonne

Was bedeutet was?

Deckenfliesen im Museumsquartier

Was bedeutet das, wenn wir früh morgens um sieben, kleine Grüppchen oder auch Heerscharen von Kindern zu Schulen pilgern sehen?

Bedeutet das, dass pro Kind das wir sehen – denn alle sehen wir ja nicht – zumindest eine Mutter schon Stunden zuvor aufgestanden ist, Frühstück und Jause gerichtet hat und die am Vortag gewaschene und gebügelte Wäsche bereit gelegt hat?

Oder bedeutet das nichts?

Warhol im Mumok

Was bedeutet das, wenn ein Mann siebentausend oder siebzigtausend oder siebenhunderttausend Euro für seinen Friseur von der Steuer absetzt und sich für seine Schamlosigkeit feiern lässt?

Bedeutet das, dass er auch andere krumme Dinge dreht, oder dass ihm eine große Karriere beschieden ist, um die ihn alle beneiden? Bedeutet das, dass er eben früher aufgestanden ist, als alle anderen?

Oder bedeutet das nichts?

Prunksaalparkett in der Albertina

Was bedeutet das, wenn Gewaltschutz gefordert wird und Gewaltschutzplakate den Mistkübeln zugewandt stehen?

Bedeutet das, dass wir uns von der Gewalt abwenden, die unseren mitgemeinten Menschen geschieht? Bedeutet das, dass sie eben nicht nur ihre Kinder früh morgens losschicken sollen, sondern auch selbst endlich aufbrechen müssen?

Oder bedeutet das nichts?

Gewaltschutzplakat am Land

Abstand, bitte!

In Zeiten wie diesen dreht sich alles um Abstand. In den Sommergesprächen nehmen Politiker Abstand von den Versprechungen, die sie uns einmal gemacht haben. Das tun sie nicht, weil sie per se unzuverlässig sind, sondern sie changieren, weil die Zeit und die Umstände es gebieten. Der Anstand aber soll jedenfalls gewahrt bleiben. Der Draht zum Bürger und zur Bürgerin wird mit Feuerschalen und ähnlichem Kulissenhokuspokus heraufbeschworen.

Auch Eltern suchen liebevoll aber bestimmt Abstand von ihren Kindern, die ihnen dermaßen auf die Pelle gerückt sind, dass in der Freizeit sogar Wandern schöner ist, als den Start der Kinder ins neue Schuljahr zu planen. Alles, nur haltet uns die Schule vom Leib! Wer soll sich da noch auskennen. Jetzt, wo sich herausstellt, dass doch nicht nur die Alten an dem Virus sterben und Bildung sowieso nur vererbt ist, wird Homeschooling zum neuen Daydream. Albtraum. Wir belehren die Jungen. Wir belehren die Alten. Dabei wollten wir doch nur maximal ein paar Stunden pro Tag Beziehungspflege betreiben. Alle vierzehn Tage ein Wochenende, oder so. Plötzlich geht das nicht mehr?

Größer wird auch der Abstand zur Null auf dem Girokonto, denn die Lohnzahlungen, die entweder ganz oder doch nur etwas geringer ausgefallen sind in den letzten Monaten, können die Gaps am Konto nicht mehr abdecken. Im Überprüfen der immer größer werdenden Lücken bin ich draufgekommen, dass über meine Kreditkarten seit Jahren monatlich kleinere Beträge abgebucht werden, ohne dass es mir jemals aufgefallen wäre. Fahrlässig?

Ein sehr lieber Freund hat mich des Öftern vor solchen und ähnlichen Internetbetrügereien gewarnt, aber ich hielt ihn für paranoid. Er war der einzige Mensch, der schon vor Corona in Angst und Schrecken lebte. Er wusste, dass etwas Fürchterliches passieren wird, die Liebe uns nur trügt und wir alle dem Untergang geweiht sind. Auf seine Art hat er ja auch Recht behalten. Er befürchtet übrigens nach wie vor das Schlimmste.

Auf der Suche nach Abstand habe ich begonnen, recht viel Belletristik zu lesen, denn in Romanen und im erzählten Leben von real nicht existierenden Dritten, findet man sich leichter zurecht als in der aus den Fugen und über den Kontorahmen geratenen Abfolge von Tagen, in der ich feststelle, dass alles anders geworden ist. Nicht vielleicht plötzlich oder wegen Corona. Alles was ist, hätte sich wahrscheinlich auch ohne Corona ganz anders entwickelt als geplant. Und so nehme ich von meinen Zukunftsplänen Abstand, Abstand von meiner regelmäßigen unselbständigen Erwerbstätigkeit, Abstand von meinem Ersparten, denn das schmolz schon im Frühjahr dahin: Wie gewonnen, so zerronnen. Abstand von all meinen Versprechungen. Abstand von mir selbst.

Und um Abstand von meinen regelmäßig entsetzlichen Silvesterfeiern zu nehmen, greife ich beherzt zu, als mir auf der Flucht Julie Zehs Buch „Neujahr“ in die Hände fällt.

Mein Freund liest es auch und findet es zu lang. Die Story hätte man auf einem Viertel der Seiten erzählen können. Da mag er Recht haben. Die meisten Menschen könnten einem Tag nicht mehr abgewinnen, wenn er nur sieben Stunden hätte. Mit einem Viertel unserer Lebenszeit würden wir wahrscheinlich auch auskommen, um zu hinterlassen, was wir hinterlassen. Sei´s drum. Wer kommt schon gern mit einem Bruchteil aus?

Silvesterabend und Neujahrsmorgen verringern ihren Abstand, was mir Übelkeit, Nausea, verursacht. Ich bin schon richtig seekrank von der Dauerschleife, vom ewig sich wiederholenden Silvesterfeuerwerk und dem Wunsch danach, endlich ein neues Jahr und damit nicht weniger als ein neues Leben zu beginnen. Aber gewöhnlich bahnt sich in den Tagen zwischen Weihnachten und dem letzten Dezember eine schlingernde Weltuntergangsstimmung an. Wer an Flucht denkt, hat schon verloren. Wird mir diesmal der Himmel auf den Kopf fallen?

Nun fällt mir im Juli in Darmstadt die Julie Zeh in die Hände. Ein Omen! Diesmal bereite ich mich auf einen besseren Jahreswechsel vor, auf einen, der wirklich was verändert und mich nicht nur niederstreckt. Auf einen ohne nervösen Durchfall.

Julie Zeh schreibt über einen Mann. Traurig eigentlich, dass Männer fast immer über Männer schreiben, während Frauen fast ebenso immer über Männer schreiben und selbst Frauenliteratur sich hauptsächlich damit beschäftigt, was an den Frauen so langweilig ist, dass man Bücher über sie feministische Literatur nennen muss. Im Interview mit der Berliner Schaubühnenlegende Elke Petri in der jüngsten Ausgabe von Die Feministin in Leibnitz und der Piefke in Triest, kommen wir auch darauf zu sprechen: Warum gibt es so wenige große Schauspielerinnen? Weil es so selten große Frauenrollen gibt. Warum gibt es die so selten? Weil niemand Rollen für Frauen schreibt und die Frauen, die spielen könnten, bekommen ohnehin keine guten Verträge, wenn sie Kinder haben. Aber da sind wir Frauen halt aber auch ganz selber Schuld, denn wir sind es ja, die sich für Kinder entscheiden.

Mein Schwager hat immer gesagt: Frausein ist ein Gendefekt.

Und mein Freund sagt: Wieso jammerst du immer? In den letzten hundert Jahren hat sich doch total viel zum Positiven für die Frauen verändert.

Ja. Für mich zum Beispiel. Denn ich wurde gleichberechtigt in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts geboren und kann mich noch gut erinnern, wie ich beim Abwasch, es muss Mitte der Achtziger gewesen sein, mit meiner Mutter lautstark darüber diskutiert habe, ob Emanzipation und eine Frauenbewegung notwendig sind. Mein Vater und meine Brüder haben derweilen im Garten Schach gespielt und geraucht. Wenn sich nicht schon so viel geändert hätte, wäre es uns wahrscheinlich untersagt gewesen, unsere Angelegenheiten mit lauter Stimme zu besprechen. Damals war ich noch überzeugt davon, dass es zum weltpolitischen Konsens gehört, dass Frauenrechte Menschenrechte sind.

Auch das Schachspielen und das Rauchen haben mich schließlich nicht weitergebracht. Was ich wirklich erreicht habe und zur Nachhaltigkeit beitragen kann ist, dass meine Kinder ganz vehement sagen: Nein, danke! Kinder will ich keine.

Logisch, sie kennen nur Eltern, die unter ihren Kindern leiden und das wird jetzt, mit dem ganzen Homeschooling noch einmal virulenter. Niemand wünscht sich das, was die eigene Mutter erlebt hat, 24/7 durchzumachen.

Also nehme ich Abstand von meiner Familie und lese Julie Zeh. Die AkteurInnen des Romans machen Urlaub auf Lanzarote. Wie Henning, der gehetzte Hauptdarsteller, versuche ich falsche Gedanken zu vermeiden. Ein Rückblende auf ein Ereignis in seiner Kindheit wird mit der ausführlichen Beschreibung der körperlichen Anstrengungen beim Radfahren herbeigestrampelt und peinlich genau ausgeführt, bis jede Faser wehtut. Wer sich dafür interessiert, woran sich Kinder erinnern und was Erwachsene ihren Kindern erzählen, damit sie später einmal zu den Eltern werden, die sie sind, ist mit diesem Buch gut aufgehoben. Wo Angststörungen und Panikattacken herkommen, klingt durch.

Wer keine Kinder hat, sich eher für Tierschutz oder Feuerwehrfeste ins Zeug legt, wird das Buch nicht unbedingt interessant finden, da primäre Bedürfnisse und die Sehnsucht nach der Geborgenheit des Ichs im Du im Vordergrund stehen.

Ich will nicht mehr verraten, als dass es mir sehr gefallen hat und Abstand nehmen von weiteren Spoilern. Lest selbst und schreibt mir, wie ihr es findet, oder was euch dazu einfällt!