Ich lebe ein ganz normales Leben. Das heißt, seit diesem Frühjahr lebe ich die neue Realität. Meine Kinder, mein Mann und meine Freunde haben sich von mir abgewandt, nicht meinetwegen, sondern um Kontakte zu reduzieren. Social Distancing. Das hat übrigens auch mein Arbeitgeber gemacht. Alles was sich nicht rentiert, hat er gegen null reduziert. Das ist auch zu meinem Besten geschehen, wie mir der Betriebsrat meiner Ex-Firma versicherte. Auch soziale Unternehmen müssen darauf achten, in Zeiten wie diesen ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht zu verlieren. Stammpersonal geht vor. Das ist klar. Leider habe ich keinen Stamm und leiste daher keinen nennenswerten Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit.

Das Schöne an der neuen Situation ist, dass ich jetzt ganz viel Zeit für mich habe. Komischerweise habe ich mir Jahrzehnte lang das eine oder andere Stündchen Zeit für mich gewünscht. So ist, was sich nie realisieren ließ, plötzlich eingetreten und all die Stunden, die ich mir jemals für mich allein in meinem Zimmer erträumt hätte, kann ich jetzt seit März genießen, am Stück sozusagen.

Zuerst nannte ich die neu gewonnene Zeit „Freizeit“, ja manchmal sogar „meine neue Freiheit“. Aber wenn ich mir ansehe, was nun daraus geworden ist, dann frage ich mich, wie das alles weitergehen soll. Alle Kästen sind geräumt und aussortiert. Alle Bücher sind bereits ein zweites Mal gelesen. Bei manchen Filmen, die früher meine Lieblingsfilme waren, kann ich schon mitsprechen und bei Netflix lasse ich den Zufallsgenerator entscheiden, welche Serie, welche Staffel und welche Folge es sein soll, um wenigsten noch einen kleinen Überraschungsmoment zu erleben.

An Bewerbungsgespräche ist in Zeiten wie diesen in meinem Fachbereich nicht zu denken. Wer würde auch schon akademisches Personal 50 plus engagieren, bei dem Lehrstellenmangel und der hohen Jungendarbeitslosigkeit unserer Tage. Ich wüsste ohnehin gar nicht, was ich mit mehr Geld als der Mindestsicherung machen sollte. Vielleicht Weihnachtskekse backen und den Advent vorbereiten? Doch was ich zubereite, esse ich Größtenteils selbst, oder zumindest alle Reste davon und da das Thermometer tagsüber immer noch auf 18 Grad klettert, stellt sich auch keine vorweihnachtliche Stimmung ein. Finger weg auch von den Lebkuchen und den Schokoschirmchen im Supermarkt!

Ich habe gelernt, meinen Tag zu strukturieren, vor allem damit, dass ich mir einen seit meiner Oberstufenzeit gehegten Wunsch erfülle. Ich lerne Französisch. Dadurch, dass ohnehin niemand mit mir spricht, kann ich mir vorstellen, ich lebte in Paris. Also höre ich mir um 6 Uhr morgens als erstes die französischen Nachrichten an. Als ich noch berufstätig war, hörte ich für gewöhnlich das Morgenjournal auf Ö1 und war mir dabei durchaus darüber im Klaren, wie privilegiert meine Art zu leben war. Ich konnte den Kindern täglich das Frühstück richten, ihnen Jausenbrote schmieren, für uns alle Smoothis richten und dann meinen Weg zur Arbeit so antreten, dass ich die Kinder an ihren Schulen oder später dann am Bahnhof absetzte. Den Einkommensverlust der Teilzeitbeschäftigung wog meine Liebe zu den Kindern auf und ganz ehrlich: Auch wenn ich 30 Stunden oder Vollzeit gearbeitet hätte, die letzten zehn Jahre: Ohne Ausgleichzulage käme ich weder jetzt noch in der Pension über die Runden.

Nach meinen französischen Übungen kommen meine Yoga-Positionen an die Reihe. Der Sonnengruß, der Herabhängende Hund, der Adler und der Schmetterling, wobei ich den Herabhängenden Hund meistens mit dem Einräumen der Waschmaschine verbinde. Daran, dass sich vor der Waschmaschine täglich Berge von Wäschestücken türmen, merke ich, dass ich doch nicht allein im Haushalt lebe. Andere Indizien dafür sind der rasante Verbrauch von Klopapier, Haarshampoon und Zahnpasta. Naja. Wenigstens die Grundbegriffe der Hygiene konnte ich ihnen vermitteln.

Gegen 10 Uhr schalte ich den Laptop ein und beantworte meine Mails. Meine ehemaligen KlientInnen schreiben mir und teilen mir ihre Sorgen mit. Ihre Sprachkenntnisse und ihre Rechtschreibung machen es mir einfach, weiterhin zu glauben, ich lebte in Paris, denn Deutsch ist das nicht. Dann beginne ich mein Tagwerk, das meiner vormaligen Berufstätigkeit nicht unähnlich ist. Eine Routine, die sich erst jüngst herausgeprägt hat. Das sind meine Telefongespräche mit dem Jö-Kundenservice, denn vor drei Monaten hat mein Sohn meine Jö-Karte beim Einkaufen verloren. Seither befinde ich mich auf einer Odyssee durch das Jö-Serviceangebot. In der Hotline fällt es mir ebenfalls leicht, meinen französischen Akzent beizubehalten, obwohl ich nicht den Eindruck habe, dass das dort jemandem auffällt. Wie jeden Tag gebe ich meine Kundennummer, meine Kartennummer, meine Adresse und mein Geburtsdatum durch. Ich erzähle, wie es zum Verlust der Jö-Karte kam, erhalte eine E-Mail, wo ich auf einen Bestätigungslink klicken muss, damit ich noch eine E-Mail erhalte, und dort einen Link anklicken kann, damit eine Maske erscheint, in die ich meine persönlichen Daten fülle und wo ich anschließend ein neues Passwort bekannt geben muss. An vielen Tagen klappt der Ablauf nicht einmal bis zu diesem Schritt. Manchmal, nach drei oder vier Telefonaten – wie viele Stunden ich insgesamt schon mit den Hotline-MitarbeiterInnen gesprochen habe, kann ich nicht sagen – gratuliert mir mein Jö-Ansprechpartner oder meine Jö-Ansprechpartnerin, dass ich nun den Marathon geschafft hätte und die neue Mitgliedskarte, die ich vor acht Wochen bestellt habe, nun endlich wirklich auf dem Weg zu mir ist. Bis dahin könne ich mit den beiden jeweils siebenstelligen Nummern an den Merkur und Penny Kassen meinen Mitgliedsbonus eintragen lassen.

Allerdings hat sich noch bei jeder weiteren Shoppingtour, die der Lebensmittel- oder Hygieneartikelbeschaffung dient, herausgestellt, dass das Kassenpersonal entweder unfähig oder unwillig ist, die von mir auf einem Zettel in der Handtasche immer mitgeführten Kundendaten einzugeben. Mittlerweile wurde mir sogar die einst verlustig gegangene Karte vom Schicksal wieder zugespielt. Mein Sohn hat sie unter dem Autositz seiner Freundin wieder angefunden. Im ersten Augenblick war ich glücklich, denn nun würde ich einfach die Karte vorweisen und ohne Kommunikation, in welcher Sprache auch immer, auskommen. Das Warten auf die neue Karte hätte ein Ende, die Telefoniererei, die Bestätigungsklicks der Bestätigungs-E-Mails, die mich durch den gesamten Herbst begleitet hatten. Fast war ich ein wenig wehmütig, als ich mich heute mit meinen vier Artikeln an der Penny-Kassa angestellt habe.

Als ich der Kassiererin die Karte reichte und die Waren in meinen Korb legte, sagte sie, gerade als sie mir die Karte zurückgeben wollte: „Moment! Da stimmt was nicht. Ihre Karte ist ungültig.“ Ich gab die Kurzfassung meiner Jö-Story zum Besten und sah, wie die Kassiererin und auch die Menschen in der Schlange hinter mir nervös wurden. „Am besten rufen Sie die Jö-Hotline an“, sagte sie.

„Das habe ich schon mehrmals getan“, seufzte ich.

„Ja. Geduld! Die sind dort sehr bemüht. Aber das dauert eben.“

Dann werde ich halt nicht mehr in den Jö-Filialen einkaufen, schwöre ich mir. Doch im Grunde genommen weiß ich, dass ich morgen, nach den französischen Nachrichten, nach dem Herabhängenden Hund und der Beantwortung meiner E-Mails nicht umhinkönnen und die Hotlinenummer wählen werde. Aus Gewohnheit. Mein ganzes Leben lang habe ich Routinen gepflegt. Warum sollte ich gerade jetzt, wo ein neuerlicher Lockdown ins Haus steht, auf liebgewonnene Alltagsriten verzichten. Es gibt keine Kontakte, die ich weiter minimieren könnte. Nach 20 Uhr bin ich sowieso nie außer Haus gegangen, schon wegen der Kinder nicht. Vor 6 Uhr liege ich im Bett. Mittlerweilen zwar alleine, aber in Vorfreude auf meine französischen Übungen.