Wer eine Frau ist, der hat es schwer und er wird sehr oft mehrfach-diskriminiert

…wie diese Überschrift als grammatikalisches Beispiel deutlich macht, denn die deutsche Sprache will: „…wer, der…“

Wer etwas schreibt, der hat ein Mitteilungsbedürfnis.

Wer Karriere machen will, der muss sich anstrengen.

Wer einem Frauenmord zum Opfer fällt, der ist meistens selbst nicht ganz unschuldig.

Fängt es also bei der Sprache an mit der Diskriminierung, oder gipfelt Intersektionalität im Sprachgebrauch? Amanda Gorman ist mit ihrem „The hill we climb“ der aktuellste und plakativste Beweis dafür, dass eine Frau immer unter Beobachtung steht. Kein Staatsmann und kein Arbeitsloser hat jemals so viele Gelegenheiten, ins Fettnäpfchen zu treten, wie eine Frau. Wie eine junge Frau. Wie eine – bitte hier beliebiges Diskriminierungsmerkmal einsetzen – Frau.

Nach dem Mord an der Trafikantin in Wien, war nun in Graz in der Idlhofgasse eine Afghanin dran.

Aber was tut es zur Sache, ob es sich beim Mordopfer um eine Nadine, eine Sarah oder eine Fidan handelt? Bleibt Mord nicht Mord? Keineswegs. Denn wie uns medial immer wieder Vermittelt wird: ein anderes Wort für Frauenmord ist Beziehungstat. Da ist sie ja wieder, unsere Sprache, die unser Denken und Sein bedingt. Natürlich wird es immer wieder Menschen geben, die der Sprache nicht so viel Gewicht beimessen und die lieber faktenbasiert denken. Ich kenne viele solche Leute, es sind meistens Gebildete, philosophisch Angehauchte, beschlagene Redner und Argumentierer, Erfolgreiche, in der Öffentlichkeit Stehende. Jene, die sich eloquent echauffieren über das, was sich Frauen herausnehmen, die Gormans, die Nadines, die Maria Magdalenas, die Evas dieser Welt. Auch wenn sie kein hässliches Binnen-I fordern. Wir wissen, was von ihnen zu halten ist.

Während die Polizei noch den Tathergang ermittelt und Nachbarinnen unauffällige Familienverhältnisse schildern oder Solzialarbeiterinnen sehr wohl Bescheid wissen über bereits aktenkundige Gewaltexzesse oder Wegweisungen, ist der männlichen Ehre Genüge getan. Die Rangordnung in der Beziehung ist wieder hergestellt. Wer aufbegehrt, der muss mit Sanktionen rechnen. Wer als Afghanin hierherkommt, wer als Trafikantin in Wien lebt, wer sich mit einem Mann einlässt, der hat mit einem Beziehungsmord zu rechnen. Soviel ist klar, und die Statistik belegt das. Da nützt die ganze Diskussion um den Gender Gap nicht. Das Klatschen für die Pflegekräfte, die im Burn Out gelandet sind, ist ebenso nutzlos, wie das Entsetzen angesichts von Blutlachen, Knochenbrüchen, Stichwunden und verbrannter Haut, hier in unserem schönen Österreich. Unsere Insel der Seligen liegt darnieder, besudelt vom Ehrenmord der Beziehungstat. Ja. Österreich geht verschleiert, wenn es um Aufklärung von Diskriminierung geht. Unser Kopftuch hier tragen wir nicht auf dem Kopf. Wir haben es internalisiert: Frauen haben nicht dieselben Rechte wie Männer. Wer eine Frau ist, der hat vom Leben eben nicht dasselbe zu erwarten wie ein Mann. Bio-logisch, oder?

Darf Amanda Gorman über ihr Kunstwerk und wie damit zu verfahren sei, autonom bestimmen, ihre Kriterien und Wertmaßstäbe anlegen, wie ein Bernhard, ein Handke, ein Beuys? Oder muss sie sich bescheiden und soll sie doch froh sein, dass sie überhaupt zu so viel Ehre gekommen ist, als schwarzes Mädchen? So etwas wäre vor 100 Jahren noch unvorstellbar gewesen. Ein Hurra dem Fortschritt der Gleichberechtigung! Die Frauen haben viel erreicht.

Darf eine Afghanin in Österreich, eine Mutter, eine Ehefrau selbstbestimmte Entscheidungen in ihrem Leben treffen? Darf sie sich neu verlieben? Darf sie ins Laufhaus gehen oder entscheiden, wie sie mit ihren Kindern die Zukunft gestalten möchte? Oder muss sie froh sein, dass sie es aus dem Krieg überhaupt bis hierher geschafft hat – was ihr übrigens ohne ihren Ehemann gar nie gelungen wäre, wie man weiß. Denn wer eine Frau ist, der wird gern einmal vergewaltigt, auf der Flucht und überhaupt. Natürlich ist die Gefahr größer, wenn der Mensch, der eine Frau ist, möglichst jung ist und wenn er schöne Brüste und eine Vagina hat.

Darf eine Feministin solche Artikel schreiben und an Zeitungen verschicken? Natürlich. Wer eine Feministin ist, der darf schreiben was er will. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass es an die Öffentlichkeit kommt, ist halt einfach etwas geringer. Bio-logisch;))

4 Comments

Add yours

  1. Bettina Ramesberger

    9. April 2021 — 14:42

    Geschliffen, gespitzt und treffend geschrieben!
    Ich warte auf den noch viel größeren Aufschrei, der durch ganz Österreich gehen sollte…

    • Liebe Bettina! Danke für deinen Kommentar. Tja, auf diesen Aufschrei warte ich schon fast ein halbes Jahrhundert!

  2. Wer diesen Artikel liest, der wird sich danach ein bissl übel fühlen. Auch als Mann. Hoffentlich.

    • Wir fühlen uns alle ein bissl übel, liebe Petra. Aber nur wenn viele Frauen sich zu Wort melden, werden sie uns hören.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

*

code