Ich lebe ein ganz normales Leben. Das heißt, seit diesem Frühjahr lebe ich die neue Realität. Meine Kinder, mein Mann und meine Freunde haben sich von mir abgewandt, nicht meinetwegen, sondern um Kontakte zu reduzieren. Social Distancing. Das hat übrigens auch mein Arbeitgeber gemacht. Alles was sich nicht rentiert, hat er gegen null reduziert. Das ist auch zu meinem Besten geschehen, wie mir der Betriebsrat meiner Ex-Firma versicherte. Auch soziale Unternehmen müssen darauf achten, in Zeiten wie diesen ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht zu verlieren. Stammpersonal geht vor. Das ist klar. Leider habe ich keinen Stamm und leiste daher keinen nennenswerten Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit.

Das Schöne an der neuen Situation ist, dass ich jetzt ganz viel Zeit für mich habe. Komischerweise habe ich mir Jahrzehnte lang das eine oder andere Stündchen Zeit für mich gewünscht. So ist, was sich nie realisieren ließ, plötzlich eingetreten und all die Stunden, die ich mir jemals für mich allein in meinem Zimmer erträumt hätte, kann ich jetzt seit März genießen, am Stück sozusagen.

Zuerst nannte ich die neu gewonnene Zeit „Freizeit“, ja manchmal sogar „meine neue Freiheit“. Aber wenn ich mir ansehe, was nun daraus geworden ist, dann frage ich mich, wie das alles weitergehen soll. Alle Kästen sind geräumt und aussortiert. Alle Bücher sind bereits ein zweites Mal gelesen. Bei manchen Filmen, die früher meine Lieblingsfilme waren, kann ich schon mitsprechen und bei Netflix lasse ich den Zufallsgenerator entscheiden, welche Serie, welche Staffel und welche Folge es sein soll, um wenigsten noch einen kleinen Überraschungsmoment zu erleben.

An Bewerbungsgespräche ist in Zeiten wie diesen in meinem Fachbereich nicht zu denken. Wer würde auch schon akademisches Personal 50 plus engagieren, bei dem Lehrstellenmangel und der hohen Jungendarbeitslosigkeit unserer Tage. Ich wüsste ohnehin gar nicht, was ich mit mehr Geld als der Mindestsicherung machen sollte. Vielleicht Weihnachtskekse backen und den Advent vorbereiten? Doch was ich zubereite, esse ich Größtenteils selbst, oder zumindest alle Reste davon und da das Thermometer tagsüber immer noch auf 18 Grad klettert, stellt sich auch keine vorweihnachtliche Stimmung ein. Finger weg auch von den Lebkuchen und den Schokoschirmchen im Supermarkt!

Ich habe gelernt, meinen Tag zu strukturieren, vor allem damit, dass ich mir einen seit meiner Oberstufenzeit gehegten Wunsch erfülle. Ich lerne Französisch. Dadurch, dass ohnehin niemand mit mir spricht, kann ich mir vorstellen, ich lebte in Paris. Also höre ich mir um 6 Uhr morgens als erstes die französischen Nachrichten an. Als ich noch berufstätig war, hörte ich für gewöhnlich das Morgenjournal auf Ö1 und war mir dabei durchaus darüber im Klaren, wie privilegiert meine Art zu leben war. Ich konnte den Kindern täglich das Frühstück richten, ihnen Jausenbrote schmieren, für uns alle Smoothis richten und dann meinen Weg zur Arbeit so antreten, dass ich die Kinder an ihren Schulen oder später dann am Bahnhof absetzte. Den Einkommensverlust der Teilzeitbeschäftigung wog meine Liebe zu den Kindern auf und ganz ehrlich: Auch wenn ich 30 Stunden oder Vollzeit gearbeitet hätte, die letzten zehn Jahre: Ohne Ausgleichzulage käme ich weder jetzt noch in der Pension über die Runden.

Nach meinen französischen Übungen kommen meine Yoga-Positionen an die Reihe. Der Sonnengruß, der Herabhängende Hund, der Adler und der Schmetterling, wobei ich den Herabhängenden Hund meistens mit dem Einräumen der Waschmaschine verbinde. Daran, dass sich vor der Waschmaschine täglich Berge von Wäschestücken türmen, merke ich, dass ich doch nicht allein im Haushalt lebe. Andere Indizien dafür sind der rasante Verbrauch von Klopapier, Haarshampoon und Zahnpasta. Naja. Wenigstens die Grundbegriffe der Hygiene konnte ich ihnen vermitteln.

Gegen 10 Uhr schalte ich den Laptop ein und beantworte meine Mails. Meine ehemaligen KlientInnen schreiben mir und teilen mir ihre Sorgen mit. Ihre Sprachkenntnisse und ihre Rechtschreibung machen es mir einfach, weiterhin zu glauben, ich lebte in Paris, denn Deutsch ist das nicht. Dann beginne ich mein Tagwerk, das meiner vormaligen Berufstätigkeit nicht unähnlich ist. Eine Routine, die sich erst jüngst herausgeprägt hat. Das sind meine Telefongespräche mit dem Jö-Kundenservice, denn vor drei Monaten hat mein Sohn meine Jö-Karte beim Einkaufen verloren. Seither befinde ich mich auf einer Odyssee durch das Jö-Serviceangebot. In der Hotline fällt es mir ebenfalls leicht, meinen französischen Akzent beizubehalten, obwohl ich nicht den Eindruck habe, dass das dort jemandem auffällt. Wie jeden Tag gebe ich meine Kundennummer, meine Kartennummer, meine Adresse und mein Geburtsdatum durch. Ich erzähle, wie es zum Verlust der Jö-Karte kam, erhalte eine E-Mail, wo ich auf einen Bestätigungslink klicken muss, damit ich noch eine E-Mail erhalte, und dort einen Link anklicken kann, damit eine Maske erscheint, in die ich meine persönlichen Daten fülle und wo ich anschließend ein neues Passwort bekannt geben muss. An vielen Tagen klappt der Ablauf nicht einmal bis zu diesem Schritt. Manchmal, nach drei oder vier Telefonaten – wie viele Stunden ich insgesamt schon mit den Hotline-MitarbeiterInnen gesprochen habe, kann ich nicht sagen – gratuliert mir mein Jö-Ansprechpartner oder meine Jö-Ansprechpartnerin, dass ich nun den Marathon geschafft hätte und die neue Mitgliedskarte, die ich vor acht Wochen bestellt habe, nun endlich wirklich auf dem Weg zu mir ist. Bis dahin könne ich mit den beiden jeweils siebenstelligen Nummern an den Merkur und Penny Kassen meinen Mitgliedsbonus eintragen lassen.

Allerdings hat sich noch bei jeder weiteren Shoppingtour, die der Lebensmittel- oder Hygieneartikelbeschaffung dient, herausgestellt, dass das Kassenpersonal entweder unfähig oder unwillig ist, die von mir auf einem Zettel in der Handtasche immer mitgeführten Kundendaten einzugeben. Mittlerweile wurde mir sogar die einst verlustig gegangene Karte vom Schicksal wieder zugespielt. Mein Sohn hat sie unter dem Autositz seiner Freundin wieder angefunden. Im ersten Augenblick war ich glücklich, denn nun würde ich einfach die Karte vorweisen und ohne Kommunikation, in welcher Sprache auch immer, auskommen. Das Warten auf die neue Karte hätte ein Ende, die Telefoniererei, die Bestätigungsklicks der Bestätigungs-E-Mails, die mich durch den gesamten Herbst begleitet hatten. Fast war ich ein wenig wehmütig, als ich mich heute mit meinen vier Artikeln an der Penny-Kassa angestellt habe.

Als ich der Kassiererin die Karte reichte und die Waren in meinen Korb legte, sagte sie, gerade als sie mir die Karte zurückgeben wollte: „Moment! Da stimmt was nicht. Ihre Karte ist ungültig.“ Ich gab die Kurzfassung meiner Jö-Story zum Besten und sah, wie die Kassiererin und auch die Menschen in der Schlange hinter mir nervös wurden. „Am besten rufen Sie die Jö-Hotline an“, sagte sie.

„Das habe ich schon mehrmals getan“, seufzte ich.

„Ja. Geduld! Die sind dort sehr bemüht. Aber das dauert eben.“

Dann werde ich halt nicht mehr in den Jö-Filialen einkaufen, schwöre ich mir. Doch im Grunde genommen weiß ich, dass ich morgen, nach den französischen Nachrichten, nach dem Herabhängenden Hund und der Beantwortung meiner E-Mails nicht umhinkönnen und die Hotlinenummer wählen werde. Aus Gewohnheit. Mein ganzes Leben lang habe ich Routinen gepflegt. Warum sollte ich gerade jetzt, wo ein neuerlicher Lockdown ins Haus steht, auf liebgewonnene Alltagsriten verzichten. Es gibt keine Kontakte, die ich weiter minimieren könnte. Nach 20 Uhr bin ich sowieso nie außer Haus gegangen, schon wegen der Kinder nicht. Vor 6 Uhr liege ich im Bett. Mittlerweilen zwar alleine, aber in Vorfreude auf meine französischen Übungen.

Freedom

Kormorantrio im Abendrosa

Text: Mark Klenk

your freedom

freedom is not something

i can give you

i don ´t have your freedom

i can offer your freedom

               room to breath

               a place to grow

i can respect you

and celebrate with you

you are master

               of your own happiness

i can not give you freedom

but i can promise

               not to imprison you

ride your freedom like pegasus!

               a flying warrior

               which carries you on ist back

i can´t give it to you

you have it yourself

i can just offer

               to stand at your side

               to accompany you

keeping it strong

keeping your freedom free

it is in you

Sechsblütige Amaryllis

Vor einiger Zeit las ich dieses Gedicht von Mark Klenk. Es berührte mich sehr und anfangs war mir gar nicht klar, warum meine Gedanken immer wieder zurückkehrten zu den englischen Worten.

Das Geheimnis, das dieses Gedicht für mich offenbart ist, dass Freiheit nicht nur etwas Gefühltes ist, das uns gegeben oder nicht gegeben ist, je nachdem in welchem Regime wir leben, unter welchen Umständen, in welchen Partnerschaften. Wir bringen unsere Freiheit mit und tragen sie mit uns. Was für eine Person ausreichend an Freiheit ist, kann für die nächste noch gar nicht als Freiheit zu erkennen sein. Was für mich Freiheit ist, kann für dich ein enges Gefängnis sein. Freiheit ist sehr individuell. Was Marks Worte aber klar machen ist, dass wir mit unserem Handeln im Alltag Bewusstsein dafür schaffen können, dass Freiheit existiert, als Wert, als durchaus verhandelbares Gut.

Nächtlicher Hafen

Mir steht so vieles frei, mehr als ich mir denken und ausmalen kann. Und doch ist es leichter, die Freiheit in Grenzen zu finden, sie dort zu definieren, wo sie ansteht, aneckt, ankommt, um auf sich aufmerksam zu machen. Freiheit ist in jedem Fall das Selbstgewählte. Die selbstgewählte Weite, der Blick übers Land, in den Himmel, auf das Meer sind Freiheit, ebenso wie die eigenen vier Wände, meine Liebesbeziehung zu einer destruktiven Persönlichkeit, die Entscheidung Kinder zu haben oder mich für eine Abtreibung zu entscheiden.

hüben wie drüben trüb

Freiheit ist nicht immer schön. Freiheit kann eine schwierige Aufgabe sein. Es ist nicht Sinn der Freiheit, sich zu rechtfertigen und doch wird es uns ein Anliegen sein, den Menschen, die wir lieben, mit denen wir unser Leben teilen wollen, die Freiheit, die wir brauchen zu erklären.

Zwei Boote im Blau

Freiheit kann man nicht verschenken. Menschen, die sich gefangen fühlen, tun das auch in ihrer Freiheit. Sie nutzen ihre Freiheit dazu, sich selbst ständig die eigenen Grenzen aufzuzeigen und daran zu verzweifeln. Freiheit kann ich dir nicht geben, aber ich kann dir helfen, deine Freiheit zu erhalten, wenn du sie in dir selbst gefunden hast. Ich kann dich daran erinnern, dass du sie reiten kannst, wie den stürmischen Pegasus oder kuscheln, wie deine flauschige Schmusedecke. Du kannst sie mit kühnen Zukunftsplänen aussenden und du kannst sie nutzen, um den ersten zaghaften Schritt zu machen. Du kannst sie dir natürlich auch sparen, aufsparen oder ersparen.

In jedem Fall wird eines sehr klar: Freiheit ist eine Lebensaufgabe, eine Einstellung zu all den Möglichkeiten, die wir sehen oder ergreifen oder leugnen und unbeachtet lassen. Die Camera Magica, die der Freiheit ihre Form gibt, die mir und meinem Charakter entsprechende Gestalt, das bin immer nur ich.

Danke Mark!

Optimisten bei Sonne

Was bedeutet was?

Deckenfliesen im Museumsquartier

Was bedeutet das, wenn wir früh morgens um sieben, kleine Grüppchen oder auch Heerscharen von Kindern zu Schulen pilgern sehen?

Bedeutet das, dass pro Kind das wir sehen – denn alle sehen wir ja nicht – zumindest eine Mutter schon Stunden zuvor aufgestanden ist, Frühstück und Jause gerichtet hat und die am Vortag gewaschene und gebügelte Wäsche bereit gelegt hat?

Oder bedeutet das nichts?

Warhol im Mumok

Was bedeutet das, wenn ein Mann siebentausend oder siebzigtausend oder siebenhunderttausend Euro für seinen Friseur von der Steuer absetzt und sich für seine Schamlosigkeit feiern lässt?

Bedeutet das, dass er auch andere krumme Dinge dreht, oder dass ihm eine große Karriere beschieden ist, um die ihn alle beneiden? Bedeutet das, dass er eben früher aufgestanden ist, als alle anderen?

Oder bedeutet das nichts?

Prunksaalparkett in der Albertina

Was bedeutet das, wenn Gewaltschutz gefordert wird und Gewaltschutzplakate den Mistkübeln zugewandt stehen?

Bedeutet das, dass wir uns von der Gewalt abwenden, die unseren mitgemeinten Menschen geschieht? Bedeutet das, dass sie eben nicht nur ihre Kinder früh morgens losschicken sollen, sondern auch selbst endlich aufbrechen müssen?

Oder bedeutet das nichts?

Gewaltschutzplakat am Land

Abstand, bitte!

In Zeiten wie diesen dreht sich alles um Abstand. In den Sommergesprächen nehmen Politiker Abstand von den Versprechungen, die sie uns einmal gemacht haben. Das tun sie nicht, weil sie per se unzuverlässig sind, sondern sie changieren, weil die Zeit und die Umstände es gebieten. Der Anstand aber soll jedenfalls gewahrt bleiben. Der Draht zum Bürger und zur Bürgerin wird mit Feuerschalen und ähnlichem Kulissenhokuspokus heraufbeschworen.

Auch Eltern suchen liebevoll aber bestimmt Abstand von ihren Kindern, die ihnen dermaßen auf die Pelle gerückt sind, dass in der Freizeit sogar Wandern schöner ist, als den Start der Kinder ins neue Schuljahr zu planen. Alles, nur haltet uns die Schule vom Leib! Wer soll sich da noch auskennen. Jetzt, wo sich herausstellt, dass doch nicht nur die Alten an dem Virus sterben und Bildung sowieso nur vererbt ist, wird Homeschooling zum neuen Daydream. Albtraum. Wir belehren die Jungen. Wir belehren die Alten. Dabei wollten wir doch nur maximal ein paar Stunden pro Tag Beziehungspflege betreiben. Alle vierzehn Tage ein Wochenende, oder so. Plötzlich geht das nicht mehr?

Größer wird auch der Abstand zur Null auf dem Girokonto, denn die Lohnzahlungen, die entweder ganz oder doch nur etwas geringer ausgefallen sind in den letzten Monaten, können die Gaps am Konto nicht mehr abdecken. Im Überprüfen der immer größer werdenden Lücken bin ich draufgekommen, dass über meine Kreditkarten seit Jahren monatlich kleinere Beträge abgebucht werden, ohne dass es mir jemals aufgefallen wäre. Fahrlässig?

Ein sehr lieber Freund hat mich des Öftern vor solchen und ähnlichen Internetbetrügereien gewarnt, aber ich hielt ihn für paranoid. Er war der einzige Mensch, der schon vor Corona in Angst und Schrecken lebte. Er wusste, dass etwas Fürchterliches passieren wird, die Liebe uns nur trügt und wir alle dem Untergang geweiht sind. Auf seine Art hat er ja auch Recht behalten. Er befürchtet übrigens nach wie vor das Schlimmste.

Auf der Suche nach Abstand habe ich begonnen, recht viel Belletristik zu lesen, denn in Romanen und im erzählten Leben von real nicht existierenden Dritten, findet man sich leichter zurecht als in der aus den Fugen und über den Kontorahmen geratenen Abfolge von Tagen, in der ich feststelle, dass alles anders geworden ist. Nicht vielleicht plötzlich oder wegen Corona. Alles was ist, hätte sich wahrscheinlich auch ohne Corona ganz anders entwickelt als geplant. Und so nehme ich von meinen Zukunftsplänen Abstand, Abstand von meiner regelmäßigen unselbständigen Erwerbstätigkeit, Abstand von meinem Ersparten, denn das schmolz schon im Frühjahr dahin: Wie gewonnen, so zerronnen. Abstand von all meinen Versprechungen. Abstand von mir selbst.

Und um Abstand von meinen regelmäßig entsetzlichen Silvesterfeiern zu nehmen, greife ich beherzt zu, als mir auf der Flucht Julie Zehs Buch „Neujahr“ in die Hände fällt.

Mein Freund liest es auch und findet es zu lang. Die Story hätte man auf einem Viertel der Seiten erzählen können. Da mag er Recht haben. Die meisten Menschen könnten einem Tag nicht mehr abgewinnen, wenn er nur sieben Stunden hätte. Mit einem Viertel unserer Lebenszeit würden wir wahrscheinlich auch auskommen, um zu hinterlassen, was wir hinterlassen. Sei´s drum. Wer kommt schon gern mit einem Bruchteil aus?

Silvesterabend und Neujahrsmorgen verringern ihren Abstand, was mir Übelkeit, Nausea, verursacht. Ich bin schon richtig seekrank von der Dauerschleife, vom ewig sich wiederholenden Silvesterfeuerwerk und dem Wunsch danach, endlich ein neues Jahr und damit nicht weniger als ein neues Leben zu beginnen. Aber gewöhnlich bahnt sich in den Tagen zwischen Weihnachten und dem letzten Dezember eine schlingernde Weltuntergangsstimmung an. Wer an Flucht denkt, hat schon verloren. Wird mir diesmal der Himmel auf den Kopf fallen?

Nun fällt mir im Juli in Darmstadt die Julie Zeh in die Hände. Ein Omen! Diesmal bereite ich mich auf einen besseren Jahreswechsel vor, auf einen, der wirklich was verändert und mich nicht nur niederstreckt. Auf einen ohne nervösen Durchfall.

Julie Zeh schreibt über einen Mann. Traurig eigentlich, dass Männer fast immer über Männer schreiben, während Frauen fast ebenso immer über Männer schreiben und selbst Frauenliteratur sich hauptsächlich damit beschäftigt, was an den Frauen so langweilig ist, dass man Bücher über sie feministische Literatur nennen muss. Im Interview mit der Berliner Schaubühnenlegende Elke Petri in der jüngsten Ausgabe von Die Feministin in Leibnitz und der Piefke in Triest, kommen wir auch darauf zu sprechen: Warum gibt es so wenige große Schauspielerinnen? Weil es so selten große Frauenrollen gibt. Warum gibt es die so selten? Weil niemand Rollen für Frauen schreibt und die Frauen, die spielen könnten, bekommen ohnehin keine guten Verträge, wenn sie Kinder haben. Aber da sind wir Frauen halt aber auch ganz selber Schuld, denn wir sind es ja, die sich für Kinder entscheiden.

Mein Schwager hat immer gesagt: Frausein ist ein Gendefekt.

Und mein Freund sagt: Wieso jammerst du immer? In den letzten hundert Jahren hat sich doch total viel zum Positiven für die Frauen verändert.

Ja. Für mich zum Beispiel. Denn ich wurde gleichberechtigt in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts geboren und kann mich noch gut erinnern, wie ich beim Abwasch, es muss Mitte der Achtziger gewesen sein, mit meiner Mutter lautstark darüber diskutiert habe, ob Emanzipation und eine Frauenbewegung notwendig sind. Mein Vater und meine Brüder haben derweilen im Garten Schach gespielt und geraucht. Wenn sich nicht schon so viel geändert hätte, wäre es uns wahrscheinlich untersagt gewesen, unsere Angelegenheiten mit lauter Stimme zu besprechen. Damals war ich noch überzeugt davon, dass es zum weltpolitischen Konsens gehört, dass Frauenrechte Menschenrechte sind.

Auch das Schachspielen und das Rauchen haben mich schließlich nicht weitergebracht. Was ich wirklich erreicht habe und zur Nachhaltigkeit beitragen kann ist, dass meine Kinder ganz vehement sagen: Nein, danke! Kinder will ich keine.

Logisch, sie kennen nur Eltern, die unter ihren Kindern leiden und das wird jetzt, mit dem ganzen Homeschooling noch einmal virulenter. Niemand wünscht sich das, was die eigene Mutter erlebt hat, 24/7 durchzumachen.

Also nehme ich Abstand von meiner Familie und lese Julie Zeh. Die AkteurInnen des Romans machen Urlaub auf Lanzarote. Wie Henning, der gehetzte Hauptdarsteller, versuche ich falsche Gedanken zu vermeiden. Ein Rückblende auf ein Ereignis in seiner Kindheit wird mit der ausführlichen Beschreibung der körperlichen Anstrengungen beim Radfahren herbeigestrampelt und peinlich genau ausgeführt, bis jede Faser wehtut. Wer sich dafür interessiert, woran sich Kinder erinnern und was Erwachsene ihren Kindern erzählen, damit sie später einmal zu den Eltern werden, die sie sind, ist mit diesem Buch gut aufgehoben. Wo Angststörungen und Panikattacken herkommen, klingt durch.

Wer keine Kinder hat, sich eher für Tierschutz oder Feuerwehrfeste ins Zeug legt, wird das Buch nicht unbedingt interessant finden, da primäre Bedürfnisse und die Sehnsucht nach der Geborgenheit des Ichs im Du im Vordergrund stehen.

Ich will nicht mehr verraten, als dass es mir sehr gefallen hat und Abstand nehmen von weiteren Spoilern. Lest selbst und schreibt mir, wie ihr es findet, oder was euch dazu einfällt!

Bescheuert gesteuert

Wir klatschen für euch, wenn ihr blutet.

Mit Bezugnahme auf den Blog von Viva la Vulva “Bescheuert besteuert” ist es nun an mir, mich einzubringen. Und da blutet das Herz so richtig!

Keine steuerliche Ermäßigung auf Monatshygieneartikel in Österreich! Das hat die Regierung beschlossen. Als ob sich das eine aussuchen könnte, ob sie nun bluten will oder nicht. Ob sie im Monat nur ein paar Tage blutet und ihr dabei übel ist, oder ob sie blutet, als gäbe es kein Halten mehr und sich dabei selbst nicht mehr spürt, alles belanglos. Frau ohne finanzielle Mittel behilft sich: mit Papiertaschentüchern, mit Klopapier, mit Windelstücken, mit Tennissocken. Mit Aspirin, mit extra verschriebenen Medikamenten, mit allem, was die Hausapotheke hergibt, mit Alkohol, mit Wechseltee, mit einfach Hinlegen und Warten bis es vorbei ist. Da gibt es unzählige Möglichkeiten, die den Selbstwert der potentiellen o.b. und Nestle-Userinnen unter Null senken. Und genau darum geht es: um Wert und Selbstwert. Wenn wir niemandem anderen mehr etwas Wert sind, warum sollten wir uns dann selbst noch was Wert sein? Jede Kinderjause, jedes Kloputzmittel ist wichtiger – und dafür geben wir unser Geld aus. Auch wenn es uns für die luxusflauschigen Slipeinlagen, um die uns jeder Mann beneidet, dann fehlt.

Hohlweg: Da musst du durch!

Dennoch, lasst uns nicht aus den Augen verlieren: Das ist so gewollt. Denn für die wirklich wichtigen Dinge ist Geld da. Wenn wir aus Corona nichts gelernt haben, aber das sollten wir nicht vergessen: Wo ein Wille (der Regierung) ist, da ist auch ein Weg. Alles ist möglich, von der Ausgangsbeschränkung bis zur Maskenpflicht, von der 14tägigen Zwangsquarantäne bis zum Verbot von höchst privatem Zärtlichkeitsaustausch. Nur eines ist nicht möglich: Monatshygiene-Besteuerung zu senken oder Damenbinden und Tampons an jene auszugeben, die ihr Geld für andere Dinge schon ausgegeben haben bzw. überhaupt keines hatten.

Sonnenblume. Wende dein Gesicht der Sonne zu und kränk dich nicht!

Wie flächendeckende Kinderbetreuung oder ganz allgemein die Integration von Frauen und Kindern in eine gleichberechtigte Gesellschaft, so bleibt auch kostengünstige Monatshygiene ein Wunschtraum. Uns wird vorgegaukelt, dass man in unserem Sinne daran arbeitet. Macht schon mal euren Urlaub in Österreich! Organisiert eure Kinderbetreuung ruhig weiterhin selbst! Wir klatschen für euch, wenn ihr blutet.

Sulm: Das Leben ist ein Fluss. Let it flow, Baby!

Vom Können, Müssen und Wollen, vom Dürfen und Sollen

In den letzten Wochen und Monaten haben wir uns sehr daran gewöhnt, unser Leben nach den von der Regierung verlautbarten Weisungen auszurichten. Meist von männlichen Regierungsmitgliedern dominierte Komitees traten in – von ihnen selbst wahrscheinlich nicht mehr konkret überschaubaren – Inszenierungen vor die Kameras und Mikros des öffentlichen Rundfunks und gaben mit ernsten Mienen bekannt, was unbedingt zu tun oder zu unterlassen sei.

Unser Leben wurde in vielerlei Hinsicht überschaubarer, strukturierter aber auch einfacher. Und obwohl wir so gut wie ganz aufs Wollen verzichten konnten, durften wir aufs Müssen nicht vergessen und das Sollen immer im Auge behalten.

Von allem Bösen gibt es jetzt – Regierung sei Dank – viel weniger:

weniger Kriminaldelikte, weniger Gerichtsverhandlungen, weniger Delogierungen, weniger Konkurse, weniger Steuernachzahlungen,

weniger Familienstreitigkeiten, weniger Scheidungen, weniger Bordellbesuche,

weniger Wartezeiten auf Operationen, in ÄrztInnenpraxen oder Krankenhausambulanzen,

weniger Gedränge überall und überhaupt weniger von der alten Normalität.

Viel mehr Menschen kommen jetzt mit viel weniger von allem aus. Das können wir nicht leugnen.

Viel weniger Schulunterricht bei gleich vielen Ferientagen, viel weniger Tests bei gleich vielen Noten in den Zeugnissen.

Viel weniger zu tun, aber viel mehr Freizeit, über die wir leider nicht mehr so verfügen können, wie wir das wollen.

Gleichgeblieben ist lediglich, dass es keine flächendeckenden Kinderbetreuungseinrichtungen für berufstätige Eltern gibt. Dieses jahrzehntelang bis zur Omniresistenz gereifte Faktum vermochte nicht einmal die Bedrohung durch das tödliche Virus zu verändern.

So muss man/frau sich eben nur überwinden können und nicht mehr daran denken wollen. Man darf eben nicht alles machen können, was vor wenigen Wochen noch ein unbedingtes Muss war, seien es Imperative, die dem Arbeitsplatz geschuldet waren oder Imperative der Höflichkeit, wie Händeschütteln, oder Bussi-Bussi-Begrüßung.

Adria? Nixda Adria!

Auch solche Gedanken müssen wir uns nicht machen, wir sollten uns das Nachdenken über Grenzen sparen. Egal ob wir sowieso in Österreich bleiben wollen oder keinen Urlaub mehr nehmen können, weil die Großis unsere Kinder nicht beaufsichtigen sollen. Sie dürfen es aber seit Neuestem trotzdem wieder wollen, mit Mund-Nasen-Schutz. Versteht sich!

Dass man/frau an die Adria fahren darf, so wie man/frau eigentlich immer sein Familienleben individuell pflegen durfte, auch wenn Komitees uns anderes weismachen wollten, liegt auf der Hand. Wer sich eine Reservierung von einem Beherbergungsbetrieb am Meer besorgen kann, muss diese an der Grenze eventuell vorweisen. Wer die 14tägige Quarantäne nach seiner Rückkehr nach Österreich vermeiden will, muss einen negativen Covid-Test in der Tasche haben. Das wird bei der Wiedereinreise nach Österreich penibel kontrolliert. Wie man/frau allerdings zu so einem Test kommt, muss erst mühevoll ausgeforscht werden, denn dass man an der Grenze keinen Test machen kann, obwohl einer vorgelegt werden muss, mutet etwas seltsam an. Die Wechselstuben von einst könnten doch durch Testungslabors revitalisiert und mit EU-Geldern sinnvoll und in europaweitem Gleichklang aufgerüstet werden.

Wie dem auch sei: Nach langem Hin und Her stellt sich heraus, dass ein Termin beim Hausarzt fixiert werden muss, der den Test machen will und kann, dann ist die Angelegenheit innerhalb von 48 Stunden erledigt. Wer das nicht glauben will, kann es gerne versuchen, denn es ist keineswegs gesagt, dass man/frau auf eigenständiges Denken und Handeln in Zukunft gänzlich verzichten muss.

Wenn wir Veränderungen wollen, …

müssen wir sie laut und kompromisslos einfordern.

Mit diesem Fazit schließt meine Tochter ihren Blogbeitrag zu Viva la Vulva im März und seit ich ihn gelesen habe, will ich zu diesem Thema etwas schreiben. Weil die Macht des Virus aber stark ist, ziehen Tage und Wochen ins Feld und nichts passiert. Es entsteht kein Blogbeitrag wie von selbst. Gedanken ziehen vorüber und werden verworfen, noch bevor sie überhaupt näher untersucht und gegliedert werden. Ausgangsbeschränkung hat Denkbeschränkung zur Folge.

Bei mir jedenfalls. Und da bin ich sicher nicht alleine.

Lemon tree, very pretty, …

Das Virus macht vor nichts und niemandem halt. Macht es uns alle gleich? Oder gibt es wieder einmal welche, die einfach gleicher sind? Ohne jetzt auf Zweitwohnsitz- oder MotorradbesitzerInnen und BaugewerblerInnen mit dem Finger zeigen zu wollen, hat es für mich den Anschein, als gäbe es welche, die nicht so sehr beschränkt in ihren Bewegungsfreiheiten sind, wie etwa CarearbeiterInnen, die im unentrinnbaren Verbund der neuerdings heiligen Kernfamilie leben. Die Kleinsten und Kleinen bleiben ebenso auf unabsehbare Zeit zu Hause kaserniert wie die Alten und Ältesten – und mit ihnen jene, die sie umsorgen. Diese Schichten hat uns das Virus bis auf weiteres vom Hals geschafft. Unsere Art mit „denen“ Solidarität zu zeigen, beschränkt sich darauf, sie dauerhaft auszugrenzen. Monatelang.

Weiß jemand, wie lang ein Monat für ein Kleinkind ist, oder für jemanden mit Demenz? Nein. Und wenn wir es uns annähernd vorstellen könnten, dann zucken wir mit den Schultern und sagen: „Es ist zu ihrem Besten.“ oder „Es ist zum Wohle der Gesellschaft.“ Aber was ist eine Gesellschaft anderes, als ein Biotop, also ein Platz, an dem sich Leben verschiedenster Gestalt ins Gleichgewicht bringt und sich in ihm und ihn mit sich erhält? Unsere Gesellschaft ist ein großes Biotop mit sehr spezifischen, schwer auszukundschaftenden Zusammenhängen und Wechselwirkungen, wie uns die kleine Greta, die nun völlig in Vergessenheit geraten scheint, glaubhaft erklärte. „Dare you ….“ waren ihre Worte. Und wie haben wir sie in den letzten sechs Wochen umgesetzt?

Grottenhof Gänse

Wir sind zu Wohnraumverbraucherinnen entwirklicht worden, wie sie Alexander Mitscherlich in seinem Pamphlet: Die Unwirtlichkeit der Städte schon skizzierte. Flauten (in unserem Fall die Bildungs- und Aktionsflaute), schreibt Mitscherlich, „… wirken sich ungünstig auf die Steigerung des kritischen Bewusstseins aus. Wo keine affektive Anteilnahme besteht, wird sich kaum die Leidenschaft zur Gestaltung [der gesellschaftlichen Verhältnisse] und damit kein auf Präzision dringendes Problembewusstsein ausbreiten.“ Man pferche Menschen in uniformierte Häuser und Wohnblocks, „und man hat einen Zustand geschaffen, der jede Planung für eine demokratische Freiheit illusorisch macht. Denn diese Freiheit ist praktisch nirgendwo mehr erfahrbar. Wo keine Fantasie an der Gestaltung der Gruppenbeziehungen wirksam wird, wo die Dynamik dieser Beziehungen nicht beflügelt wird, da bleibt dem / der Einzelnen nur der Rückzug in archaisches Wunschträumen, das ohne starke Widerstände in dumpfes Handeln umgesetzt werden kann. Das kritische Bewusstsein wird erfolgreich überrumpelt.“

Was soll das alles heißen? Wir unsere Wachsamkeit auf die Probe gestellt? Dröhnen wir uns zu mit Maßnahmen? Oder frönen wir still unseren altbekannten Süchten?

Kommunikation ist alles

Wie in Altenheimen leben auch unzählige Kinder und haben wie beiläufig den Anschluss an die Gesellschaft verloren, weil in Zeiten, in denen kein Mensch mehr ohne E-Mails berufstätig sein kann, immer noch Haushalte ohne Internetzugang und ohne funktional passende Endgeräte existieren. Wir können diese Menschen nicht erreichen. Sie leben, als wären sie in Flüchtlingslagern interniert, ohne Zugang zu den Ressourcen, die für alle anderen Mitglieder unserer Gesellschaft Standard sind. In den Flüchtlingslagern ohne Wasser, ohne Desinfektionsmöglichkeiten, ohne Masken. Bei uns ohne PCs, ohne Kontakte zu gleichaltrigen BildungssprachlerInnen, ohne Möglichkeit dem Unterricht zu folgen, wohlgemerkt bei bestehender Ausbildungspflicht bis zum 18. Lebensjahr. Wer seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, hören wir täglich, wird empfindlich gestraft. Und das System, das sehr wohl Menschen – und gar nicht wenige – zurücklässt? Dieses Versäumnis macht das Virus uns klar. Seit Wochen redet man darüber, wie man solche Kinder wieder ins Boot holen will – und nichts passiert. Alle hoffen, dass bald wieder alles „normal“ sein soll. Den Blutzoll des Virus, dass Alte verlassen sterben und Kinder aus bildungsfernen Haushalten ihre Zukunftschancen verlieren, nimmt man in Kauf. Tja, was soll man machen? Kann man solidarisch sein und wenn ja, mit wem?

Im Duden wird Solidarität als „unbedingtes Zusammenhalten mit jemandem aufgrund gleicher Anschauungen und Ziele“ definiert, schreibt Sofia in ihrem Blog, um dann auszuführen, dass feministische Werte jene sind, die der ganzen Gesellschaft zu Gute kommen, derzeit aber mit Füßen getreten werden.

Brennnesselernte

Je länger Corona regiert, desto klarer zeigt sich, dass wir zwar gleiche Werte und Ziele verfolgen, europäische Werte und Ziele, jene, die in unserer Verfassung festgeschrieben sind oder die Verfassungsrang haben, wie die Europäische Menschenrechtskonvention, dass aber die Anstrengungen die dahingehend unternommen werden, dass alle in Österreich lebenden Menschen diese Ziele auch anstreben können, durchaus enden wollend sind.

„Schau auf dich, schau auf mich!“ Das wird zunehmend der Slogan für eine Haltung, unhinterfragt hinzunehmen, was uns die Regierung gerade als opportun vor Augen führt. Und ansonsten sollen wir den Blick und die Stimme nicht erheben, wie Atwoods Magd, deren Lektüre in Zeiten wie diesen mehr als angesagt ist. Haben wir uns jahrelang gewundert, wie alles so und noch schlimmer werden konnte, als in Orwells 1984, so sehen wir nun, wie Frauen in eine Kultur gedrängt werden, die Atwood im Report der Magd schon vor 20 Jahren penibel beschrieben hat. Und auch dort kamen die Wende, die Regression, die strengen Maßnahmen zum Schutze der Gesellschaft, quasi über Nacht. Für die Entrechteten wurde viel geklatscht. Wer hätte das ahnen können? Déjà-vu!

Wir müssen uns also besinnen, auf Greta, auf unseren Hausverstand und unsere von der Werbung instrumentalisierte Hausverständin. Dare you! Ja! Wage es! Denken ist möglich. Veränderungen lassen sich planen. Und um mit einem Lieblingszitat meiner 1925 geborenen Mutter zu enden:

Es ist nicht genug zu wissen, man muss es auch anwenden;

es ist nicht genug zu wollen, man muss es auch tun.

Wilhelm Meisters Wanderjahre III, Goethe

Irritation

Auf sich selbst zurückgeworfen sein und zu entdecken, dass man doch nicht alles so im Griff hat, das tut ganz schön weh. Stündlich gibt es neue Anweisungen und Verhaltensmaßregeln. Wir taumeln von einem Tag zum nächsten und können doch nichts finden, als uns selbst und unsere eigene Einstellung zum Leben an sich. Wo bleibt die Kontrolle, die wir bisher – vermeintlich – über unser Leben hatten?

Die PessimistInnen unter uns haben es immer schon gewusst. Es wird etwas ganz Schlimmes kommen. Dass der Krieg so lang dauern würde, dass Hungern so weh tut und dass so viele sterben, das hätte niemand gedacht, hat meine Mutter immer innbrünstig erzählt. Ihr war vollkommen klar, dass eines Tages wieder alles rationiert und überwacht werden würde.

Einige meiner pessimistischsten Bekannten haben sich schon die letzten Jahre hindurch täglich nur widerwillig und mit Mühe zur Arbeit geschleppt und dabei geschnauft: “So lange es nur so bleibt! Es ist zwar kaum zum Aushalten, aber Hauptsache der nächste Urlaub ist schon eingetragen und meine Aktien fallen nicht.” Sie hamstern aktuell Alkohol und Medikamente.

Die OptmistInnen haben hingegen immer schon gewusst, dass alles was passiert, uns nur noch fester zusammenschweißen wird. Das sind jene, die sogar noch für den legendären Stan am Schädl dankbar sind. Für diese Menschenart wendet sich immer alles zum Guten, Hauptsache die Gattung Mensch überlebt. Der eigene Wohlfühlfaktor wächst mit der Herausforderung.

Die Erfindungsgabe der OptimistInnen ist schier unerschöpflich, wenn es darum geht, positive Zeichen der Zeit zu erkennen, die uns mitteilen, dass der soziale Zusammenhalt intakt ist. Ein neues Leben kann man nicht anfangen, aber täglich einen neuen Tag. Ein optimistischer Augenaufschlag ist wie ein Sonnenaufgang!

Erster Frosch im Garten

Gesellige Menschen und solche, die gerne angepasst im Mainstream schwimmen, atmen erleichtert auf, denn sie haben endlich auch Zeit für sich und fühlen sich nun nicht mehr verpflichtet, ständig auf allen Hochzeiten zu tanzen. Wenngleich: Das sind jene, die ausgangsbeschränkt ununterbrochen telefonieren und betonen, dass die Virtualität doch virenfrei sei und man in Zeiten wie diesen auf persönlichen Austausch nicht verzichten müsse.

Unter Gesellschaft verstehen sie in erster Linie gemeinsame Unterhaltung, Kommunikation über Themen, die vielen ein Anliegen sind, Austausch über Inhalte, die uns nicht nur voran bringen, sondern die uns auch Einblicke in die Lebensumstände unserer Mitmenschen gewähren.

Emotional stabile Typen bleiben, was und wie sie sind: zuverlässig und stabil. Sie bilden den Rückhalt jeder Familie und jeder Arbeitsbeziehung. Sie funktionieren. Es stellt sich heraus, dass man ihre Arbeitskraft schon seit Jahren besser hätte nutzen können, als sie täglich viele Stunden im Pendlerverkehrstau stehen zu lassen und man richtet ihnen Home-Offices ein, in denen sie weiterhin zuverlässig ihren Dienst tun. Hier treffen wir auf unaufgeregte Menschen, die sich eher selten beklagen oder Initiativen setzen, die stabile Systeme aus dem Gleichgewicht bringen. Sie moderieren täglich das, was ihnen zu moderieren aufgetragen ist – und damit hat sich´s. Das können sie, das machen sie und Besseres können wir uns von ihnen nicht wünschen.

Die Autofokussierten reflektieren, wie sie sich denn nun fühlen sollen, da sich alles geändert hat. Sie versuchen sich daran zu erinnern, mit welchem Lebensgefühl sie noch vor wenigen Wochen gelebt haben und ob sich seither Entscheidendes geändert hat. Schlafqualität, Verdauungstätigkeit, Ängste- und Anspannungsniveau werden auf ihre Konsistenz geprüft und etwaige Veränderungen schriftlich aufgezeichnet, telefonisch mit Vertrauenspersonen besprochen oder bei einsamen Spaziergängen, die außer in Tirol derzeit ja überall noch erlaubt sind, an der frischen Luft wieder und wieder bedacht.

Wer zu dieser Gruppe gehört, achtet darauf, das innere Gleichgewicht nicht zu verlieren und sich selbst regelmäßig Gutes zu tun. Genug Schlaf, angenehme Lektüre, unaufgeregtes Krisenmanagement ist ihnen ein besonderes Anliegen.

Synagogenvorplatz Maribor

Die SelbstinszeniererInnen schließlich stürmen die sozialen Netzwerke und schwelgen in Fake News, die sie zwar sofort als solche erkennen und durchschauen, nichts desto trotz aber weitergeben, damit die Welt staunend realisiere, welchen Bären man sich aufbinden lassen könnte, nicht aber der/die Allgegenwärtige. Sie teilen mit, was sie sehen, wer was wie macht und wie es richtig gemacht gehört und verstehen es, sich ins Rampenlicht zu rücken, selbst wenn sie gar keinen eigenen Beitrag zu leisten haben und nur die Trumps und Putins dieser Welt kommentieren.

Im One-on-One-Kontakt reagieren sie verhalten, melden sich lange Zeit nicht und dann mit vagen Andeutungen und unheilsschwangerer Hindergrundmusik. Fragen beantworten sie kryptisch, wie Stars. Sie haben Mitleid mit den Menschen, denen die Bühne nicht so liegt wie ihnen. Wichtig ist ihnen das entsprechende Publikum, der Applaus, die Anerkennung. Im Lichte der Aufmerksamkeit können sie sich sonnen und zu ungeahnter Größe und Wichtigkeit auflaufen.

Na? Zu welcher Gruppe gehört ihr und mit wem habt ihr es zu tun?

Wer hat Lust, mit mir Feldforschung zu betreiben? Die Mensch sind wie Knödel, hat meine Mutter immer gesagt. Keiner gleicht dem anderen. Lauter Unikate.

Grüße aus der Südsteiermark

O tempora, o mores!

Das Sonntagsinterview in der Kleinen mit mit Carlo Galli, einem italienischen Politologen, ehemaliger Abgeordneter im Parlament für die PSD Italien, hat ein neues, vielbeachtetes Buch geschrieben, „Sovranitá“.

Fazit: Früher war alles besser.

Stefan Winkler hat wieder einmal jemanden ausfindig gemacht, den er uns als kundigen Weltuntergangspropheten vorführen kann. Zu beklagen: Kaputte Infrastruktur in Europa und jeden Samstag Bürgerkrieg in Frankreich. Ach, hätten wir´s doch so schön ruhig und geordnet wie in Nordkorea! Wie Christoph und Lollo schon singen: Man muss ja nicht ständig herumdiskutieren.

Unsere Mainstream-Eliten verspotten die Souveränität. Word, Signor Galli! Ja, unsere Staatsmänner scheren sich einen Dreck darum, dass wir die Entscheidungs- und Gewissensfreiheit des Individuums – und erst damit die Möglichkeit für Solidarität und Menschenrechte, Demokratie und Gleichbehandlung blutig durch Jahrhunderte erkämpft haben. Es geht nicht darum, politische Konzepte in Europa zu verhandeln, sondern es geht heute in erster Linie darum, möglichst viel Kohle zu machen, rasch noch, bevor Schluss ist mit der erdölverarbeitenden Industrie – was wir alle vermutlich nicht erleben werden und unsere Kinder auch nicht.

Was soll der Eiertanz um die Souveränität? Unser Kanzler stellt die Rechtsstaatlichkeit im öffentlich rechtlichen Rundfunk in Frage und lädt darauf hin zu einem runden Tisch, um ein Problem zu erörtern, dass es ohne seine Anwürfe gar nicht gegeben hätte. Alle spielen mit. Europa war auf der internationalen Bühne nie präsenter. Dank Greta (hier in Davos: Minute 2 bis 10; sehr hörenswert!!) und weltpolitischen Vermittlungseinsätzen, natürlich gibt es Sachen wie in Thüringen oder den Brexit, aber 70 Jahre ohne Krieg. Das ist kein Dreck, möchte ich meinen. Und wie ging das vor sich? In dem man sich für die Rechte der Bürgerinnen und Bürger stark machte. Auch das Streikrecht. Power to the people! Noi non siamo Galli, ma siamo galline!

Unsere eigenes Leben als allgemein verbindliche Form des Alltäglichen anzusehen und dabei mit der eigenen Existenz gar nichts anzufangen wissen, als einkommensoptimiert zu konsumieren, zu kritisieren, zu intrigieren, das ist eine seltsame Art des europäischen Lebensgefühls, die sich hier breit gemacht hat.

You can´t always get what you want – haben schon die Stones gekreischt. But you can try, try, and try. In letzter Zeit habe ich laute Bücher von Menschen gelesen, die einen Ausweg aus ihrem eigenen Leben suchten, aus einem Leben, mit dem sie nicht anfangen konnten, das zu groß und zu unhandlich für sie war. An die erinnert mich Herr Galli heute mit seinem Interview. An die verkrachten Existenzen bei Ivo Andric, an einen vollkommen einsamkeitsverwahrlosten Frankfurter Bobo, dessen Leben Wilhelm Genazino in der Abschaffel-Trilogie beschreibt, an die masochistisch-obsessive Selbstzerstörerin von Leila Slimani, dem Prix Goncourt von 2016. Vielleicht sollte Herr Galli lieber seine Memoiren schreiben, als über Europa reden. Das ist momentan en vogue, auch der alte Tarantino, damit meine ich den neuen Film von Tarantino: Once upon a time in Hollywood, casht mit dieser Masche ab.

Als hätten alle alten weißen Männer weltweit nichts weiter zu beklagen, als den Sitten- und Werteverfall. Come stop your crying, um es mit Tarzan bzw Phil Collins zu sagen und jene ins Boot zu holen, die Pathos brauchen. Dennoch der Blues will nicht enden.

Das Gejammer der alten Säcke, wobei sie auf ihre Atomsprengköpfe schielen und den angehäuften Wohlstand, ist so ungustiös. Sie leben von der oftmals geduldeten Missachtung der Rechte, der ihnen Untergeben, sie behandeln ihre Frauen wie Vieh, sie geben vor, um gleichen Lohn für gleiche Arbeit zu kämpfen und beuten die Gutwilligen, die ihnen zuerst glauben und letztlich ins Netz gegangen sind aus. Und dann kommen sie mit ihrem großen Katzenjammer, weil das andere Bubi jetzt eine größere Pistole hat. Nur mehr Frankreich hat in Europa Nuklearsprengköpfe – und jetzt, wo England austritt, werden wir wohl alle Französisch lernen müssen?

So nähern wir uns der eigentlichen Frage: Was haben wir eigentlich gelernt in den letzten Jahrzehnten, in denen wir das europäische Bildungswesen weiterentwickeln und Mehrsprachigkeit zur gelebten Kultur werden lassen wollten? Das Leben in der Komfortzone hat uns alle eingelullt. Wie Greta es sagt: Empty words. Alles nur Gerede. Schaukampf. Heiße Luft ein Sonntagsinterview halt.

O tempora, o mores!

Küssen kann man nicht alleine

Schwanger werden auch nicht

Küssen kann man nicht alleine, hat schon Max Raabe gesungen und war damit sehr erfolgreich.

Christian Fiala, Facharzt für Frauenheilkunde, erläutert in seiner Außensicht in der Kleinen Zeitung vom 27. Jänner, warum eine Gesellschaft Verantwortung trägt, wenn Frauen ungewollt schwanger werden. Und er legt schlüssig dar, warum sich gerade aus der daraus resultierenden unterlassenen Hilfestellung eine sinkende Geburtenrate ableiten lässt. Denn wenn Frauen nicht in der Lage sind, für die Kinder zu sorgen, die sie schon haben, entscheiden sie sich dafür, etwaige weitere Kinder nicht zu gebären. Da hilft das Kriminalisieren von Schwangerschaftsabbrüchen nichts. Jemandem die Rute ins Fenster zu stellen, dem das Wasser bis zum Hals steht, weil er eine mitgenannte Sie ist und vielleicht dazu noch schwanger, ist mehr als unvernünftig. Das sagt uns der Hausverstand.

Warum aber machen wir das Kinderkriegen und Kinderhaben nicht schöner für alle Betroffenen? Und all jene, die keine Kinder wollen, sollen auch keine bekommen müssen. Was wäre einfacher? Es ist ein Leichtes und allenthalben Praktiziertes alle jungen Männer einzuberufen und mit ihrer Wehrdienstpflicht zu konfrontieren. Kein administrativer Aufwand ist zu groß für Heimat, Ehr und Vaterland. Was man hingegen nicht kann und wohl auch nicht will ist, alle PflichtschülerInnen so aufzuklären, dass sie sich ihrer Verantwortung, die sie für Sexualität und Fortpflanzung tragen, bewusst werden. Ethikunterricht beginnt beim Selbst, und mein Selbst existiert durch meinen Körper, für den ich Verantwortung trage, ebenso, wie die Gesellschaft Verantwortung dafür trägt, dass es nicht zu ungewollten Schwangerschaften kommt. Aber in einer Kultur, in der Menstruationshygiene selbstredend hoch besteuert wird, wird natürlich über Verhütungsmittel nicht gesprochen. Wer sie wie verwendet und wer sie bezahlt, das sind Themen, die bleiben fein säuberlich ausgespart.

Die Jungfräulichkeit und der Schutz des Hymen scheinen ein allen Religionen gemeinsames Anliegen zu sein. Unsummen von Geld werden ausgegeben für die Wiederherstellung von Jungfernhäutchen, die Beschneidung von Mädchen auch in Europa und für Abtreibungen. Sind Menschen, die solchen Praktiken ausgesetzt sind, Menschen oder wandelnde Reliquienschreine? Würden Sie nach einem Verkehrsunfall für alle Kosten aufkommen, oder gäbe es eine Versicherung, die ihre körperliche Unversehrtheit sicherstellt? Risikoeinschätzungen sind das A und O der Wirtschaft. Nur bei den Frauen kann man sich weiterhin sicher sein, dass sie sich wie Melkkühe behandeln lassen, weil sie ja nicht einmal im Stande sind, ein bisserl Frauensolidarität zu zeigen. Wahrscheinlich sind die wenigsten von ihnen überhaupt in der Lage zu entscheiden, ob und wie viele Kinder sie haben wollen. Da lässt sich leicht dreinreden, denn wer die Kosten, den Pflegeaufwand und den Rest vom ganzen Spaß trägt und dann auch noch selbst daran Schuld ist, ist vollkommen klar.

Wir brauchen nicht nur Unterstützung bei gewollten und ungewollten Kindern. Wir leben unseren Töchtern vor, was sie in Zukunft erdulden werden müssen. Bevormundung. Entrechtung. Das unsichtbare Kopftuch.

Dass Selbstbestimmung ein Grundrecht ist, die Entscheidung, was mit meinem Körper passiert, nur ich treffen darf und jede Art von persuasiver Übergriffigkeit hintanzuhalten ist, scheint immer noch zu überraschen, besonders jene, die sich in ihre Lebensplanung sicher nichts dreinreden lassen.