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Gewohnheiten verlassen uns nicht

Als Kind haben mich meine Eltern zum Wandern animiert, gewissermaßen könnte man sagen, sie haben mich dazu gezwungen, denn sie haben das Wandern geliebt und mich natürlich mitgenommen. Wie viele Kilometer bin ich in meiner Kindheit grummelig und missmutig gegangen. Wie viele Stunden war ich ohnmächtig wütend, weil ich ganz und gar nicht durch Wald und Feld ziehen wollte. Ich konnte keinen Sinn darin erkennen, Gipfel zu erklimmen. Schnaubend bin ich durchs Gelände gestapft, fest entschlossen, als Erwachsene meine Freizeit nicht mit irgendwelchen sinnlosen Märschen zu verplempern. Wozu jemand aufbrechen sollte, um nach kürzerer oder längerer Zeit doch wieder nur zum Ort des Ausgangs zurückzukehren, erschloss sich mir in keinster Weise. Daher stiefelte ich missvergnügt und brummig hinter meinen Eltern her, bis wir an einen Bach kamen oder ich einen Schmetterling entdeckte, auf einen seltsamen Stein stieß oder mich schlicht darauf freute, bald wieder zu Hause zu sein und weiß Gott was Besseres zu machen.

Wenn ich heute schlechte Laune, ein enttäuschtes Herz oder einen misslungenen Arbeitstag hinter mir habe, mich ohnmächtig oder schlecht behandelt fühle, ziehe ich meine Wanderschuhe an, denn dieses Gefühl des unzufrieden Seins und das sich Fortbewegen im Freien gehören in meinem Leben unverbrüchlich zusammen. Ich marschiere forsch los und so übellaunig ich auch sein mag, je länger ich gehe, desto leiser wird das Rumoren in mir.

Ich könnte nicht sagen, ob ich dabei vor mir selbst davon oder mir nachrenne, aber allein das sich Wegbewegen von allem, was den Alltag ausmacht, schafft eine Distanz, die sich auch im Denken breit macht. Plötzlich kommen über den Anblick zweier Schafe im Weingarten Erinnerungen über mich, die mir ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Das Wasser aus dem Trinkbrunnen schmeckt so frisch, dass ich an eine Almwanderung in einem längst vergangenen Sommer denken muss, bei der die Kinder noch klein waren. Ich erklimme die Aussichtswarte und sehe die Nebel ziehen, die nach dem Regen aus dem dunklen Wald aufsteigen, als wollte der Herbst schon Einzug halten. Es ist, als wollten alle Sommer, die ich je erlebt habe, an mir vorüberziehen.

Nach der Kur ist vor der Kur

Wie lang ist meine Kur schon her? Gefühlt: ein halbes Jahrhundert. Die Arbeit hat mich fest im Griff. Effizienz im Tun und Denken fordert nicht nur die deutsche Noch-Kanzlerin. Ich bin am Limit! Sicher. Ich bin immer noch meines eigenen Glückes Schmiedin, aber bei diesen Temperaturen, unter diesen Arbeitsbedingungen, in Zeiten wie diesen, ist ein Transpirationsgrad erreicht, der einen nahenden Herzstillstand vermuten lässt.

Was aber ist aus den von mir beobachteten Kurgastcharakteren geworden?

Die Ehrgeizigen: Sie sind so wie ich, ohne zeitlichen Aufschub zurückgekehrt, an ihren angestammten Arbeitsplatz, gewillt, doppelt und mehr zu leisten, um die durch die Kur versäumten Arbeitsstunden wieder einzubringen. Ihre BürokollegInnen haben der Ehrgeizigen Kurheimkehr nicht ganz uneigennützig gefeiert. Nun lässt sich Unliebsames wieder auf dem Schreibtisch der von der Kur Erholten türmen.

Die Flüchtenden: Für sie hat alles Kurungemach ein Ende gefunden, um den Preis, dass nun wieder vor Ort geleistet werden soll. Sie haben es immer schon gewusst und fühlen sich nun auch bestätigt: Ihre Flucht heißt Leben und findet so schnell kein Ende.

Die BesserwisserInnen: Sie haben den Kurerfolg eingefahren und wissen nun, welche Kur besser für sie geeignet gewesen wäre. Bei der Besprechung des Kurbefundes mit dem Hausarzt / der Hausärztin bringen sie ihre Erkenntnisse vor und füllen vor Ort einen neuen Kurantrag aus. Sollte eine Folgekur nicht möglich sein, begeben sie sich unverzüglich in eine zusätzliche Therapie oder beantragen eine Reha.

Die DurchschummlerInnen: Sie tun so, als wären sie gar nie auf Kur gewesen. Ihr Gesundheitszustand hat sich tatsächlich nicht verändert. Sie gehen jetzt wieder so früh zu Bett, wie es eigentlich die Kurvorschriften von ihnen verlangt hätten. Pünktlich sind sie weiterhin nur zu Dienstschluss. Sie hören sich am Arbeitsplatz um, wer wo wann auf Kur war, sind aber vorerst einmal froh, wieder ihren alten Gewohnheiten nachgehen zu können: Zucker zum Kaffee, ab und zu ein Zigarettchen, Minijägermeister in der Handtasche.

Die Wichtigen: Sie kommen als Stars von der Kur zurück und erzählen am Arbeitsplatz ausführlich davon, wie anstrengend so eine Kur eigentlich ist. Es entsteht der Eindruck, sie hätten in Tokyo an den Olympischen Spielen teilgenommen. Sie gehen allen im Büro mit dem auf der Kur Gelernten auf die Nerven.

Für mich gestalten sich die Rückverrechnung und Kostenübernahme mit der Zusatzversicherung schwierig. Wahrscheinlich ist es am besten, jetzt erst einmal auf Urlaub zu fahren, bevor der Corona-Vorhang wieder zugeht.