Author: Eva Surma

Gewohnheiten verlassen uns nicht

Als Kind haben mich meine Eltern zum Wandern animiert, gewissermaßen könnte man sagen, sie haben mich dazu gezwungen, denn sie haben das Wandern geliebt und mich natürlich mitgenommen. Wie viele Kilometer bin ich in meiner Kindheit grummelig und missmutig gegangen. Wie viele Stunden war ich ohnmächtig wütend, weil ich ganz und gar nicht durch Wald und Feld ziehen wollte. Ich konnte keinen Sinn darin erkennen, Gipfel zu erklimmen. Schnaubend bin ich durchs Gelände gestapft, fest entschlossen, als Erwachsene meine Freizeit nicht mit irgendwelchen sinnlosen Märschen zu verplempern. Wozu jemand aufbrechen sollte, um nach kürzerer oder längerer Zeit doch wieder nur zum Ort des Ausgangs zurückzukehren, erschloss sich mir in keinster Weise. Daher stiefelte ich missvergnügt und brummig hinter meinen Eltern her, bis wir an einen Bach kamen oder ich einen Schmetterling entdeckte, auf einen seltsamen Stein stieß oder mich schlicht darauf freute, bald wieder zu Hause zu sein und weiß Gott was Besseres zu machen.

Wenn ich heute schlechte Laune, ein enttäuschtes Herz oder einen misslungenen Arbeitstag hinter mir habe, mich ohnmächtig oder schlecht behandelt fühle, ziehe ich meine Wanderschuhe an, denn dieses Gefühl des unzufrieden Seins und das sich Fortbewegen im Freien gehören in meinem Leben unverbrüchlich zusammen. Ich marschiere forsch los und so übellaunig ich auch sein mag, je länger ich gehe, desto leiser wird das Rumoren in mir.

Ich könnte nicht sagen, ob ich dabei vor mir selbst davon oder mir nachrenne, aber allein das sich Wegbewegen von allem, was den Alltag ausmacht, schafft eine Distanz, die sich auch im Denken breit macht. Plötzlich kommen über den Anblick zweier Schafe im Weingarten Erinnerungen über mich, die mir ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Das Wasser aus dem Trinkbrunnen schmeckt so frisch, dass ich an eine Almwanderung in einem längst vergangenen Sommer denken muss, bei der die Kinder noch klein waren. Ich erklimme die Aussichtswarte und sehe die Nebel ziehen, die nach dem Regen aus dem dunklen Wald aufsteigen, als wollte der Herbst schon Einzug halten. Es ist, als wollten alle Sommer, die ich je erlebt habe, an mir vorüberziehen.

Nach der Kur ist vor der Kur

Wie lang ist meine Kur schon her? Gefühlt: ein halbes Jahrhundert. Die Arbeit hat mich fest im Griff. Effizienz im Tun und Denken fordert nicht nur die deutsche Noch-Kanzlerin. Ich bin am Limit! Sicher. Ich bin immer noch meines eigenen Glückes Schmiedin, aber bei diesen Temperaturen, unter diesen Arbeitsbedingungen, in Zeiten wie diesen, ist ein Transpirationsgrad erreicht, der einen nahenden Herzstillstand vermuten lässt.

Was aber ist aus den von mir beobachteten Kurgastcharakteren geworden?

Die Ehrgeizigen: Sie sind so wie ich, ohne zeitlichen Aufschub zurückgekehrt, an ihren angestammten Arbeitsplatz, gewillt, doppelt und mehr zu leisten, um die durch die Kur versäumten Arbeitsstunden wieder einzubringen. Ihre BürokollegInnen haben der Ehrgeizigen Kurheimkehr nicht ganz uneigennützig gefeiert. Nun lässt sich Unliebsames wieder auf dem Schreibtisch der von der Kur Erholten türmen.

Die Flüchtenden: Für sie hat alles Kurungemach ein Ende gefunden, um den Preis, dass nun wieder vor Ort geleistet werden soll. Sie haben es immer schon gewusst und fühlen sich nun auch bestätigt: Ihre Flucht heißt Leben und findet so schnell kein Ende.

Die BesserwisserInnen: Sie haben den Kurerfolg eingefahren und wissen nun, welche Kur besser für sie geeignet gewesen wäre. Bei der Besprechung des Kurbefundes mit dem Hausarzt / der Hausärztin bringen sie ihre Erkenntnisse vor und füllen vor Ort einen neuen Kurantrag aus. Sollte eine Folgekur nicht möglich sein, begeben sie sich unverzüglich in eine zusätzliche Therapie oder beantragen eine Reha.

Die DurchschummlerInnen: Sie tun so, als wären sie gar nie auf Kur gewesen. Ihr Gesundheitszustand hat sich tatsächlich nicht verändert. Sie gehen jetzt wieder so früh zu Bett, wie es eigentlich die Kurvorschriften von ihnen verlangt hätten. Pünktlich sind sie weiterhin nur zu Dienstschluss. Sie hören sich am Arbeitsplatz um, wer wo wann auf Kur war, sind aber vorerst einmal froh, wieder ihren alten Gewohnheiten nachgehen zu können: Zucker zum Kaffee, ab und zu ein Zigarettchen, Minijägermeister in der Handtasche.

Die Wichtigen: Sie kommen als Stars von der Kur zurück und erzählen am Arbeitsplatz ausführlich davon, wie anstrengend so eine Kur eigentlich ist. Es entsteht der Eindruck, sie hätten in Tokyo an den Olympischen Spielen teilgenommen. Sie gehen allen im Büro mit dem auf der Kur Gelernten auf die Nerven.

Für mich gestalten sich die Rückverrechnung und Kostenübernahme mit der Zusatzversicherung schwierig. Wahrscheinlich ist es am besten, jetzt erst einmal auf Urlaub zu fahren, bevor der Corona-Vorhang wieder zugeht.

Warum die moderne Philosophie versagt.

Precht, Liessmann und Konsorten denken medial nach. Frauen natürlich mitgemeint.

„Es wird eine neue Gesellschaft entstehen.“ Das dachten Frauen schon vor mehr als hundert Jahren, als sie das Wahlrecht erkämpften, lieber Herr Precht. Frauen als Konsumentinnen, als Care-Arbeiterinnen, als Reprotuktionsnotwendigkeiten, ok. Aber genannt sollen sie nicht werden, weil sich dann der alte weiße Mann diskriminiert fühlt? Und wodurch fühlt er sich diskriminiert? Dadurch, dass man ihn öffentlich alten, weißen Mann nennt, obwohl er doch PoC ist. Ich traue meinen Augen nicht, wenn ich auf die Doppelseite der Kleinen Zeitung, meiner Kleinen Zeitung, die ich seit 30 Jahren von meinem sauer verdienten Lohn bezahle, blicke. Sie, Herr Precht, sind der Lieblingsautor meines jüngsten Sohnes, der kurz vor der Matura die – Ihrer Ansicht nach berechtigte Frage stellt: Ist meine Mutter eine Menschin? Ihr Leben lang kämpft sie haupt- und nebenberuflich, aber auch ehrenamtlich, für Geschlechtergleichstellung, sogar in der Sprache. Darf ich essen, was sie kauft, wenn ich finde, dass sie ihr Geld mit Rassismus verdient?

Jeder Konsument kann Druck ausüben, und das tut er, wenn er Ihre Bücher kauft. Er übt Druck auf mich aus. Finanziellen, emotionalen und politischen. Und meine um Moral bemühte, regionale Tageszeitung druckt das, damit ich ein schönes Sonntagsinterview lesen kann, am Tag des Herrn.

Da blättere ich rasch weiter und gelange zur Doppelseite Kultur. Der hellsichtige Roman: „Der ehemalige Sohn“ ist hier das Thema. Werner Krause schreibt über Sasha Filipenko und der schreibt über Lukaschenko.

Als uns an der Uni über die Macht des Zitierens doziert wurde, dass es darauf ankommt, wer wen wie oft zitiert, war mir nicht auf Anhieb klar, was es bedeutet, wenn Männer vornehmlich Männer in Quellenverzeichnissen nennen. Aber im Laufe meiner Leserinnenkarriere und als 55jährige Teilzeitkraft beginne ich langsam zu verstehen, wie der Hase läuft.

Der Essay der Woche kommt von unser aller Liessmann: „An die Ungebildeten“. Die Sippenhaftung wird beklagt. Dass Männer nun plötzlich schon beim ersten Satz, den sie schreiben, darüber nachdenken sollen, was ihnen alles vorgeworfen werden kann, obwohl das in all den vergangenen Jahrhunderten seit Erfindung des Buchdrucks niemals so war. Ja, werter Herr Liessmann. Das ist allerdings eine Zumutung der besonderen Sorte. Frauen müssen nie über irgendwas nachdenken, sie können schreiben, was sie wollen, denken was sie wollen, machen was sie wollen. Laufhäuser besuchen oder Bürgermeisterinnen werden. Wer muss auch schon darüber nachdenken, was aus dem Kind wird, das man in neun Monaten Schwangerschaft mit sich herumträgt? Lohnt es sich, mit den Verächtern zu kommunizieren, fragt Liessmann. Das vielleicht nicht. Aber es bleibt uns auch nicht erspart.

Die Philosophie als solche liebt vor allem den Gedanken und das Denken und nicht die selbstherrlichen Vordenker.

Kurerfolg

Zwei Drittel meiner Kur sind vorüber. Jetzt durchbeißen! Nur nicht den Kurerfolg gefährden! Allein ich bin meines Glückes Schmiedin. Ich versuche den unterschiedlichen Lebensrealitäten der Kurgäste Rechnung zu tragen, weil ich unter keinen Umständen Anschluss suche.

Die Ehrgeizigen: Sie haben sich genau überlegt, warum sie kuren. Das mit der ärztlichen Leitung zu Beginn des Kurintervalls vereinbarte Ziel nehmen sie ins Visier und arbeiten hart. In der dritten Woche entweder nicht mehr ganz so verbissen oder beflissener als zuvor, ist ihnen ein Kurerfolg sicher. Vinceremos! lautet ihre Devise. Als Heimkehrende werden sie gefeiert.

Die Flüchtenden: Sie wollen ihrem Alltag entfliehen. Ihre gesundheitlichen Probleme gipfeln in einem speziellen Bereich. Der Zielort ihrer Kursehnsucht ist auf ihr Gebrechen spezialisiert. Dort wollten sie schon lange einmal hin. Der Wirbelsäule tut es gut und die Umgebung ist genau das, was man sich für einen schönen, dreiwöchigen Zusatzurlaub wünscht. Was die Flüchtenden bei ihrem Aufbruch nicht bedacht haben ist, dass man Ungemach nur gegen Ungemach eintauschen kann. Und wie es zu Hause kein Entrinnen gibt, so ist man hier dem Kurerfolg verpflichtet und strebt von Paraphe zu Paraphe.

Die BesserwisserInnen: Sie sind von einem Bildungsauftrag beseelt. Sie denken und handeln sowohl im Sinne der Kuranstalt als auch im Sinne der Kurgäste. Sie führen sozusagen die gesamte Kurwelt einem Sinn zu. Den Kurärzten und –ärztinnen erklären sie, warum sie etwaige Übungen nicht machen oder nicht in dieser Reihenfolge machen können. Den Mitkurenden erläutern sie den Zweck der jeweiligen sensomotorischen Übung, der Trinkkur mit oder ohne Jod, der Reduktionstage und der Zeitpläne. Sie sind nicht nur Organisationstalente, sie trägt der Gedanke der Effizienz.

Die DurchschummlerInnen: Sie nehmen alles zur Kenntnis wie es ist und versuchen möglichst alle Kurgesetze zu brechen. Sie kommen zu allen Anwendungen fünf Minuten zu spät, machen die Übungen nicht zehn sondern nur neun mal. Sie packen sich beim Frühstück die Taschen mit Proviant für den Tag voll, essen zu Mittag zwei Nachtische und in der Freizeit laufen sie in die Konditorei, um guten Kaffee zu genießen, nicht die Kurfilterplitschn, am besten natürlich mit einem Stück Torte und einem Zigarettchen. Trifft man sie beim Sidestep im Cafè oder oder beim Bier im Gasthaus, machen sie zwar betretene Miene, verändern aber keineswegs ihr Verhalten. Wenn die Vorturnerin die Übung erklärt, schwätzen sie weiterhin. Auch wenn sie es gewohnt sind, früh schlafen zu gehen, legen sie es in drei Wochen Kur darauf an, vor Mitternacht niemals ein Auge zuzutun und verkosten in ihren Zimmern Schnaps vom Bauernmarkt, den sie im Kleiderschrank vor der Putzfrau verstecken.

Die Wichtigen: Sie sind die Stars der Kur. Ihnen sollten wir möglichste entgehen. Vom ersten Tag an, wählen sie sich Lieblingsopfer aus, meist nur ein oder zwei. Mit denen verbringen sie jede freie Minute, erzählen von ihren Kindern, Ehen, beruflichen Belastungen, Heldentaten, Krankenhausaufenthalten, von Kuren, die sie schon absolviert haben und von solchen, die sie noch machen werden. Sozialvampire schlechthin.

Wenn man es zwei Kurwochen geschafft hat, ihnen auszuweichen, bleibt man mit etwas Glück auch in der letzten Woche von den Wichtigen verschont. Denn die haben dann schon ihr Gefolge gefunden.

Wir denken an unsere Töchter, aber wir meinen den ganzen Planeten

Wilhelmine Badl ist eine Grazer Bildhauerin, derer als einer unbekannten, steirischen Künstlerin von vielen in der Ausstellung Ladies First! in der Neuen Galerie Graz gedacht wird.

Sie ist Hungers gestorben, zwar beklatscht aber nicht remuneriert. Frauenschicksal?

Es ist nervig, dass ich immer auf solche Einzelfälle hinweisen muss. „Du bist zwanghaft!“ sagen Menschen, die es gut mit mir meinen, zu mir. Aber ist es wirklich so falsch, von einer auf alle zu schließen? Reale Frauen, Frauen wie du und ich, werden in Österreich in statistisch berechneter Regelmäßigkeit getötet, daher liegt es wohl auf der Hand, dass Handlungsbedarf besteht.

Wie viele Frauenkarrieren abgetrieben werden (ja! weggemacht statt ausgelebt), scheint niemanden zu interessieren. Erst wenn die Frau wirklich tot ist, wird darüber nachgedacht, was da passiert sein könnte. Wie bei Wilhelmine Badel, deren Wiki-Eintrag so kurz ist, dass man sich wundern muss, wenn man ihr Werk betrachtet. Warum ist die Frauensuizidrate so hoch? Weil Frauen nicht genügen können, weil sie keinen Platz finden, dort wo sie ihn doch finden sollten: am Tisch der gleichberechtigten Gesellschaft eines geeinten Europas. Frau Badel ist wenigstens das erspart geblieben. Das Gerede vom geeinten Europa und: Sie musste nicht Hand an sich legen. Verhungern ist heute schwerer als Selbsttötung, wenngleich auch in Europa nicht unmöglich.

Seit der #metoo-Debatte zeigt sich die Öffentlichkeit aufmerksamer gegenüber Diversität und Geschlechtergerechtigkeit. Im Fall der Skigröße Renate Götschl konnte man gerade wieder einmal  live miterleben, wie Frauen mit Ehren bedacht werden, während Männer die richtig fetten Jobs absahnen. Und sie freuen sich darüber. Wer? Na, beide. Die Frauen und die Männer.

Annalena Baerbock möchte man die Kanzlerinnenkandidatur madig machen. Nicht nur, weil sie ihr Studium nicht abgeschlossen hat. Die armen Kinder! Wer welche will, soll sich gefälligst auch darum kümmern. Sollen die armen Kleinen ausbaden, dass die Mama karrieregeil ist? Ich denke, meine Kinder wären mir nicht böse gewesen, wenn ich mit einem Kanzlerinnengehalt nicht ganz so viel Zeit für sie gehabt hätte.

Mit „Frauen schreiben Wiki“ widmet sich Nowa Graz einem virulenten Problem. Es ist nämlich nicht so, dass Frau Badl die einzige ungewürdigte Künstlerin ist, wie wir spätestens seit Gertraud Klemms Hippocampus wissen. Die Tatsache, dass kaum Frauen Nobelpreise innehaben, besagt nicht, dass unsere Töchter ebenso schlechte Chancen haben müssen, wie ihre Großmütter, in der Hall of Fame verewigt zu werden. Aber wenn wir diese Bemühungen jetzt nicht unterstützen, in die Knie gehen wie die Grünen und statt Gerechtigkeit zu tun, nur mehr davon reden, wie leicht doch Gerechtigkeit auch von anderen in der Demokratie Lebenden zu schaffen wäre, dann wird es eng.

Ö1 und Arte, meine Lieblingssender, geben sich Mühe und kommen mittlerweile schon auf 30-40% mehr Frauen als in den letzten 20 Jahren. Manchmal hört man Stücke von Komponistinnen, ohne dass extra darauf hingewiesen wird, dass das Stück aber jetzt tatsächlich von einer Komponistin ist. Manchmal wird ein Vorstandsmitglied gewählt und es handelt sich um eine Frau, ohne dass daraus ein großer Zirkus gemacht wird. Wir wollen keine Quote, wenn wir mitmachen können, wo wir mitmachen wollen. So toll kann die Quote auch gar nicht sein, dass sie das Unrecht, das unseren Vorfahrinnen in den letzten Jahrhunderten widerfahren ist, wieder wettmacht.

Ein vernünftiges Augenmaß und Hausverstand werden ausreichen, um bei einem Blick auf whatever zu sehen, ob Chancengleichheit mitgedacht ist oder nicht. In unseren Familien, in unseren Interessensvertretungen, in unseren Landesregierungen, in Europa, in Kunst und Kultur, in Wirtschaft und Wohlfahrt. Wir denken an unsere Töchter, aber der ganze Planet ist mitgemeint.

Wer eine Frau ist, der hat es schwer und er wird sehr oft mehrfach-diskriminiert

…wie diese Überschrift als grammatikalisches Beispiel deutlich macht, denn die deutsche Sprache will: „…wer, der…“

Wer etwas schreibt, der hat ein Mitteilungsbedürfnis.

Wer Karriere machen will, der muss sich anstrengen.

Wer einem Frauenmord zum Opfer fällt, der ist meistens selbst nicht ganz unschuldig.

Fängt es also bei der Sprache an mit der Diskriminierung, oder gipfelt Intersektionalität im Sprachgebrauch? Amanda Gorman ist mit ihrem „The hill we climb“ der aktuellste und plakativste Beweis dafür, dass eine Frau immer unter Beobachtung steht. Kein Staatsmann und kein Arbeitsloser hat jemals so viele Gelegenheiten, ins Fettnäpfchen zu treten, wie eine Frau. Wie eine junge Frau. Wie eine – bitte hier beliebiges Diskriminierungsmerkmal einsetzen – Frau.

Nach dem Mord an der Trafikantin in Wien, war nun in Graz in der Idlhofgasse eine Afghanin dran.

Aber was tut es zur Sache, ob es sich beim Mordopfer um eine Nadine, eine Sarah oder eine Fidan handelt? Bleibt Mord nicht Mord? Keineswegs. Denn wie uns medial immer wieder Vermittelt wird: ein anderes Wort für Frauenmord ist Beziehungstat. Da ist sie ja wieder, unsere Sprache, die unser Denken und Sein bedingt. Natürlich wird es immer wieder Menschen geben, die der Sprache nicht so viel Gewicht beimessen und die lieber faktenbasiert denken. Ich kenne viele solche Leute, es sind meistens Gebildete, philosophisch Angehauchte, beschlagene Redner und Argumentierer, Erfolgreiche, in der Öffentlichkeit Stehende. Jene, die sich eloquent echauffieren über das, was sich Frauen herausnehmen, die Gormans, die Nadines, die Maria Magdalenas, die Evas dieser Welt. Auch wenn sie kein hässliches Binnen-I fordern. Wir wissen, was von ihnen zu halten ist.

Während die Polizei noch den Tathergang ermittelt und Nachbarinnen unauffällige Familienverhältnisse schildern oder Solzialarbeiterinnen sehr wohl Bescheid wissen über bereits aktenkundige Gewaltexzesse oder Wegweisungen, ist der männlichen Ehre Genüge getan. Die Rangordnung in der Beziehung ist wieder hergestellt. Wer aufbegehrt, der muss mit Sanktionen rechnen. Wer als Afghanin hierherkommt, wer als Trafikantin in Wien lebt, wer sich mit einem Mann einlässt, der hat mit einem Beziehungsmord zu rechnen. Soviel ist klar, und die Statistik belegt das. Da nützt die ganze Diskussion um den Gender Gap nicht. Das Klatschen für die Pflegekräfte, die im Burn Out gelandet sind, ist ebenso nutzlos, wie das Entsetzen angesichts von Blutlachen, Knochenbrüchen, Stichwunden und verbrannter Haut, hier in unserem schönen Österreich. Unsere Insel der Seligen liegt darnieder, besudelt vom Ehrenmord der Beziehungstat. Ja. Österreich geht verschleiert, wenn es um Aufklärung von Diskriminierung geht. Unser Kopftuch hier tragen wir nicht auf dem Kopf. Wir haben es internalisiert: Frauen haben nicht dieselben Rechte wie Männer. Wer eine Frau ist, der hat vom Leben eben nicht dasselbe zu erwarten wie ein Mann. Bio-logisch, oder?

Darf Amanda Gorman über ihr Kunstwerk und wie damit zu verfahren sei, autonom bestimmen, ihre Kriterien und Wertmaßstäbe anlegen, wie ein Bernhard, ein Handke, ein Beuys? Oder muss sie sich bescheiden und soll sie doch froh sein, dass sie überhaupt zu so viel Ehre gekommen ist, als schwarzes Mädchen? So etwas wäre vor 100 Jahren noch unvorstellbar gewesen. Ein Hurra dem Fortschritt der Gleichberechtigung! Die Frauen haben viel erreicht.

Darf eine Afghanin in Österreich, eine Mutter, eine Ehefrau selbstbestimmte Entscheidungen in ihrem Leben treffen? Darf sie sich neu verlieben? Darf sie ins Laufhaus gehen oder entscheiden, wie sie mit ihren Kindern die Zukunft gestalten möchte? Oder muss sie froh sein, dass sie es aus dem Krieg überhaupt bis hierher geschafft hat – was ihr übrigens ohne ihren Ehemann gar nie gelungen wäre, wie man weiß. Denn wer eine Frau ist, der wird gern einmal vergewaltigt, auf der Flucht und überhaupt. Natürlich ist die Gefahr größer, wenn der Mensch, der eine Frau ist, möglichst jung ist und wenn er schöne Brüste und eine Vagina hat.

Darf eine Feministin solche Artikel schreiben und an Zeitungen verschicken? Natürlich. Wer eine Feministin ist, der darf schreiben was er will. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass es an die Öffentlichkeit kommt, ist halt einfach etwas geringer. Bio-logisch;))

Experten, so weit das Auge reicht

Corona verstärkt die Bildungsmisere und anscheinend ist das Einzige, was uns einfällt, ständig neue Forderung von Experten zu diskutieren. Dabei scheint es ganz egal zu sein, woher diese Experten – ganz selten sind es auch Expertinnen – kommen. Mittlerweile sind wir alle so verunsichert, dass wir nach jedem Strohhalm greifen. Wir wollen alles glauben, Hauptsache der Spuk ist bald vorbei. Aber die Zahlen steigen rasant, die Zahlen in den Intensivstationen und die Zahlen der Expertenmeinungen, die Zahlen der AnalfabetInnen und die Zahlen der BildungsverliererInnen.

Vor 10 Jahren schon haben fast 400.000 Österreicherinnen und Österreicher das Bildungsvolksbegehren unterzeichnet. Ich war in Wien, als Androsch, Glattauer und Salcher in der wohl gefüllten Aula der Industriellenvereinigung die Bedürfnisse und Notwendigkeiten eines modernen Bildungssystems darlegten. Im Publikum viele Mütter, auf der Bühne Experten. Auf die Frage, wie viele der Anwesenden ihre Kinder in Privatschulen hätten, hoben damals zwei Drittel der Anwesenden die Hände.

Warum fällt mir das heute ein, wenn ich den Artikel „Experten fordern: Schulen im Sommer auf!“ in der Kleinen Zeitung lese? Zuerst einmal, weil so viel Zeit vergangen ist seither. Zwei meiner vier Kinder sind nicht mehr im Schulsystem. Ich bin zehn Jahre älter und mutloser geworden. Ich würde heute wohl nicht mehr Androschs Ruf nach Wien folgen. Ich fühle mich zu alt, zu schwach, zu missverstanden und habe außerdem gerade COVID. Aber ich bewundere Androsch und Glattauer, dass sie des Rufens nicht müde werden. Wir werden gestorben sein und nichts wird sich geändert haben. Von der bevorstehenden Bildungsreform hat man schon in den Achtzigern geredet, als ich zur Matura ging.

Die prekäre Situation unserer Kinder, die Tatsache, dass nach einem Jahr Pandemie immer noch Kinder ohne brauchbare Endgeräte für Homeschooling dastehen, schreit in einem Land des Wohlstands zum Himmel. Beim Wort „Deutschförderklassen“ wird mir mittlerweile schlecht. Als DaF-Trainerin – ich unterrichte Deutsch als Fremdsprache nach Abschluss meiner universitären Ausbildung seit 1991 – plädiere ich für „Menschlichkeitsförderklassen“. Meine Schülerinnen und Schüler, die in den letzten Jahren gute Fortschritte gemacht haben, verdanken ihren Erfolg nicht irgendwelchen Förderklassen, sondern sich selbst – und in den meisten Fällen ihren Müttern, die für sie kämpfen wie Löwinnen.

Wer es nicht geschafft hat, in den ersten zehn Lebensjahren Deutsch zu lernen, obwohl er / sie hier geboren ist, dem / der ist auch mit einer Deutschförderklasse im Sommer nicht zu helfen. Sprachstandserhebungen nach Abschluss von drei Kindergartenjahren zeitigen seit Jahren schreckliche Ergebnisse, die ich noch nie öffentlich diskutiert sah. Einmal schrieb ich einen Brief an die Landesschulbehörde, mit Fotos von den „Kindergartenzeugnissen“ und einer dringenden Anfrage, wie denn so etwas möglich sei?  Nach drei Jahren Kindergarten verstehe ein in Deutschlandsberg geborenes Kind keine Wer-, Wie-, Wo- und Was-Fragen, die Mutter aber kommt stolz zu mir in die Frauenberatungsstelle und zeigt mir das „Zeugnis“ (nämlich die Sprachstandserhebung) ihrer Tochter, die jetzt schulreif ist. Gerührt. Mit Tränen in den Augen, denn lesen kann sie selber nicht.

Die Landesbehörde schickte mein Schreiben an die Bezirksschulbehörde, von dort rief man mich an, was ich denn mit meinem Schreiben bewerkstelligen wolle. Als ich sagte, ich wollte nur zu bedenken geben, dass hier etwas nicht stimmen kann, meinte die Amtsperson: Keine Sorge! Wir werden uns darum kümmern. Wir dachten schon, Sie wollen Schwierigkeiten machen.

Ich bot meine fachliche Expertise an. Man wünschte mir schöne Sommerferien.

Zu welchem Schluss kann ich also kommen, zehn Jahre nach Salchers talentiertem Schüler, mitten in einer unberechenbaren Pandemie? Nur so viel: Wir sind die Expertinnen!

Jede von uns ist die beste Expertin für ihr Leben und weiß, was sie sich zutrauen kann und wie sie es schaffen kann. So traurig das auch klingt. Wir sind auf uns selbst zurückgeworfen. Und jeden Tag die Nachrichten in einfacher Sprache zu hören und zu lesen, täglich zehn Minuten zu schreiben und abends im Bett drei Seiten in einem Buch zu lesen, hilft mehr als eine Abstimmung darüber, wer sich wann zu welcher Förderklasse im Sommer anmelden darf. Die Zeit läuft. Wer nicht lernt, verblödet.

Wechselbeschwerden

Weil es mir wichtig ist und aus rechtlichen Gründen schicke ich voraus, dass sämtliche Personen, Namen und Orte in dieser Geschichte frei erfunden sind und Ähnlichkeiten mit mir Bekannten oder Unbekannten zufällig und unerwünscht.

Mein Umfeld hat mit mir Wechselbeschwerden. Nicht dass es bisher mit mir leicht gewesen wäre, nein. Aber wer hätte gedacht, dass ich jetzt, wo ich doch nun wirklich schon in die Jahr gekommen bin, sozusagen: jenseits von Gut und Böse, noch eine zweite Pubertät würde durchmachen müssen. Und meine Familie mit mir?

Begonnen hat alles mit einer Hitzewallung im September, im vorvorigen September, die ich damals noch nicht als solche erkannte. War es doch meine erste. Als Mehrkindmutter hielt ich meinen befremdlichen Zustand für eine Art Dreitagesfieber, einen Entwicklungsschub also, den zum Beispiel Babys durchmachen, wenn sie bemerken, dass es keinen Sinn hat, einfach nur zu sein. Denn: You are part oft he game! Mitmachen oder sein lassen, schoss es mir ein.

Während Babys aber entdecken, dass sie mitspielen wollen und wichtig sind, wollte ich nun plötzlich aussteigen und nur mehr mir selbst wichtig sein. Wir alle kennen „Lola rennt“. Mit meiner ersten Hitzewallung startete ich die Inszenierung von „Oma geht“. Aber auch das war mir damals noch nicht so bewusst. Vielmehr überkam mich nur eine Art Angstschweiß, der sich in meinem Hirn in der Frage manifestierte: „Ist das alles?“

Der Geburtstag meines Mannes stand an, der mit dem 25 Geburtstag meiner Tochter zusammenfiel. Und wie an allen Familiengeburtstagen, meinen natürlich ausgenommen, scheute ich nicht Kosten noch Mühen, ein in Erinnerung bleibendes Fest zu organisieren. Ja. Warum soll ich es nicht sagen: Es war das erste Mal, dass ich erkannte, dass diese Geburtstage und die dazugehörenden Feierlichkeiten für mich wichtig waren. Sie hatten sich in den letzten 35 Jahren zu meinem ganz persönlichen Kalender, zu meiner internen Zeitrechnung entwickelt. Während an meinen Geburtstagen die Message: „Ist ja nicht so schlimm! Du bist halt wieder ein Jahr älter.“, mir tröstend auf die Schulter klopfte, ging bei allen anderen Familienmitgliedern zum runden, zum halbrunden, zu jedem einstelligen und erst recht zu jedem zweistelligen Wiegenfest die Party so richtig ab. Nicht zuletzt auch, weil ich als Festatgsrednerin der Familie es gewohnt war, die richtigen Worte zu finden.

Diesmal nahm ich in der Rede meinen indirekten Abschied. Ich bedankte mich für die vielen schönen Jahre im Kreise meiner Lieben und hielt einen Rückblick auf das, was wir alles gemeinsam gemeistert und geschaffen hatten. Die Gäste lauschten mir mit erhobenen Gläsern und dem Einen oder der Anderen traten Tränen in die Augen, alle Kinder waren mit ihren LebenspartnerInnen zugegen, auch die Enkelkinder waren anwesend. Familienfreunde waren dabei. Als ich endete mit den Worten: „Und nicht zuletzt möchte ich mich dafür bedanken, dass ich so lange Teil dieser wunderbaren Familie sein durfte,“ rief die Buchhalterin meines Mannes, die mit ihrer Familie eben solange zur Familie gehörte wie ich selbst: „Das kann sie halt, unsere Eva! Wunderschöne Reden schwingen. Prost und alles Gute!“ Die Gläser klirrten. Alle prosteten und lachten und die Torte wurde angeschnitten.

Meine Tochter defilierte mit ihrem Weinglas, drückte mich und fragte besorgt, ob denn alles in Ordnung mit mir sei. Die Schwester meines Schwiegervaters, die den nach Thailand entflohenen Teil der Familie repräsentierte, gratulierte mir zur gelungenen Rede mit den Worten: „So hab ich das noch gar nicht gesehen. Bisher habe ich dich immer für eine herrschsüchtige Person gehalten, der nichts und niemand gut genug ist. Ich fürchte, ich muss meine Meinung über dich revidieren und mich fast entschuldigen.“

Ihre Böswilligkeit erreichte mich schon nicht mehr und zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass mir nicht mehr einmal an einer letzten Abrechnung lag, schon gar nicht an einer Entschuldigung von irgendwem. Am darauffolgenden Wochenende fuhr ich nach Kroatien, mit zwei Freundinnen, lernte in der Strandbar einen Hamburger kennen und genoss vier Stunden später den ersten One-Night-Stand meines Lebens. Mein letzter ehelicher Verkehr lag Jahre zurück. Dass ich seit Jahrzehnten nur noch mit mir selbst freudvollen Sex hatte, habe ich bis zum vorvorigen September nicht einmal bedauert. Ich hielt es für biologisch gegeben, dass Frauen, insbesondere solche mit vier Kindern und zwei Enkelkindern, auf ein abgeschlossenes Sexualleben zufrieden zurückblickten, während Männer anscheinend ein lebenslängliches Anrecht auf Kopulation mit jungen, körperlich attraktiven Partnerinnen hatten. Soweit das Auge reichte, sah man Laufhäuser und männliche, weiße Role Models mit Frauen an ihrer Seite, die ihre Töchter oder Enkelinnen hätten sein können. Ich hielt den Verlust meiner Libido für biographisch vorhersehbar und chronologisch-natürlich bedingt. Die Natur der Frau ist es, Leben zu gebären, während die Natur des Mannes ihn dazu zwingt, seinen Samen zu spreaden, wo auch immer sich Gelegenheit dazu ergibt. Nun gut. Auf so einen Superspreader war ich in jener lauen September Vollmondnacht am Strand gestoßen und Gioconda Bellis Mondhitze überkam mich.

Dieses Weihnachten fiel der Truthahn aus, Silvester feierte ich mit meinem Kurschatten in Nizza, der sich sehr erfreut zeigte, über meine sexuelle Revolution, die ich eingeläutet hatte, sofort aber anmerkte, dass ihm das nur Freude machen würde, solange ihm aus dem Vergnügen keine Kosten entstünden, wie zum Beispiel diese Dreitagesreise, die er sich etwas habe kosten lassen. Erste Klasse Flug. Negresco. So würde das selbstverständlich nicht weitergehen. Immerhin hatte er familiäre Verpflichtungen, die sich in seiner Wohnung und in der Organisation seines Privatlebens nicht übersehen ließen und die auch in unserer sich eben erst zart anbahnenden Beziehung mehr als präsent waren. Nie habe ich mit irgendjemanden so viel über Schwangerschaft, Kinder, Geld und Sicherheit gesprochen, über verpasste Chancen und über das Recht sich auszukotzen. Wir begruben den Plan, jemals wieder zusammen auf Kur zu fahren.

Im darauffolgenden Sommer sah ich die Kids nur noch sporadisch und ich hörte vollends damit auf, mir über sie den Kopf zu zerbrechen. Ich konnte ihre teilweise recht befremdlichen Arten, ihre Leben zu führen, wohl genau so wenig nachvollziehen, wie sie meines, hätten sie sich Mühe gegeben, sich in mich hineinzuversetzen. Ich erkannte klar und deutlich, dass ich nun an der Schwelle stand, wo sich das Kräfteverhältnis umkehrt. Meine Mutter, Gott hab sie selig, sagte immer: „Irgendwann werden die Kinder zu Eltern und die Eltern zu Kindern.“ Das war mein aktueller Standpunkt, an dem ich mich verortete. Hier war der Ausgangspunkt meiner Menopausenreise. Ich hatte es in der Hand, meinen Kindern zur Last zu fallen, oder meine ideellen Koffer zu packen. Und in einer neuerlichen Hitzewallung überkam mich die Erkenntnis, dass ich zwar mein ganzes Leben lang für alle Kredite mitunterschrieben hatte, mir aber davon nichts geblieben war, als der Eintrag ins Grundbuch auf ein Halbes, das mit einer ganzen Firma und ihren Schulden belastet war. Und mag es auch richtig sein, dass es selten Frauen gibt, die trotz mehrerer Kinder ein Leben lang selbst erwerbstätig sind und verdienen, so war an meinen Finanzen ebenso ersichtlich, was man flott den Gender-Gap nennt. Das erste Kind hatte Einkommensverluste meinerseits gezeitigt, die an die statistischen 40% ohne weiteres herankommen. Hätte jedes weitere Kind weitere 20% bedeutet, dann würde ich heute realiter nur mehr auf Pump leben, mit einer ebenso statistischen Lebenserwartung von weiteren 30 Jahren. Lang genug hatte ich diese Gedanken von mir geschoben. Lang genug hatte ich auf Sommerurlaube verzichtet, fuhr nur Schi, wenn auch die Buchhalterin und ihre Familie Lust auf Schiurlaub hatten und gönnte mir besonders in meiner arbeitslosen Zeit nach der Krebsoperation und dem Burn out nicht einmal neue Jeans vom H&M oder einen Friseurinnenbesuch. Nun war Schluss. Ich wollte mir nicht mehr von den braven Frauen in meiner Verwandtschaft erzählen lassen, dass ich ohnehin auf meine Kosten käme. Obwohl ich mein Haus so selten putze und mit meiner Religionslehrerinnenrunde schon zweimal die letzten fünf Jahre auf dreitägigen Hüttenwanderungen war, wollte ich jetzt aufbegehren. Endlich einmal wollte ich auf den Tisch hauen und nicht mehr nur lesen von den bösen Mädchen, die nicht in den Himmel kommen. Und ich bat meinen Mann um die Scheidung.

Der fiel nur nach außen hin nicht aus allen Wolken. Obwohl er alle meine Wünsche zu unserem gemeinsamen Leben stets mit einem kopfschüttelnden Lächeln abgetan und mich vor Freunden und Bekannten mit Vorliebe als weltfremd und sozialromantisch hingestellt hatte, sah ich, dass er nun den Atem anhielt und den Ernst der Lage erkannte. Vielleicht schoss es ihm auch durch den Kopf, dass er irgendwo auch meinen Träumen einmal hätte nachgeben können, dass ich vielleicht, so wie er, auch gerne meine eigene Firma, mein eigenes Mietshaus, mein eigenes Motorrad gehabt hätte. Damit, dass ich unser gemeinsames Projekt, nämlich die Kinder, als abgeschlossen betrachten könnte, hatte er nicht gerechnet. Wahrscheinlicher wäre ihm noch erschienen, ich hätte Selbstmord begangen, so wie etliche Frauen in meinem Alter. Er war relativ sprachlos und nickte nur: „Ja, von mir aus.“

Er konnte meinen Scheidungswunsch auch nicht auf meine Wechselbeschwerden zurückführen. Wie auch? Alles Hormonelle oblag seit Jahr und Tag mir. Mit dem Geld, das ich verdiente, konnte ich nicht nur alle Kredite besichern, ich war auch ein Leben lang für meine Verhütung und alles was mit meinem Körper zu tun hatte aufgekommen, natürlich auch für alle Pampers, Kindertagesstätten und gesundheitliche Angelegenheiten im weitesten Sinne, die mich und die Kinder betrafen. Ich erinnere mich noch, als wir einmal bei einem Spaziergang mit den Noch-nicht-Schulkindern besprachen, wie ich denn nun weiter mein Leben und wohl auch meine Verhütung finanzieren wollte, wenn ich die Wiedereinstellungsfrist als Sozialarbeiterin bei der Caritas nicht einhalten könnte, weil im Sommer keine Kinderbetreuung in Tschillmitsch zur Verfügung war. Mein Mann zeigte sich wohl an der Problematik interessiert, brachte sich auch insofern in die Diskussion ein, als er feststellte, er könne sich lediglich um seine Firma kümmern und das sei mit mehr Sorgen verbunden als ich mir überhaupt ausmalen könne, aber im Übrigen seien das wohl meine Angelegenheiten. Das hätte ich mir schon früher überlegen müssen. Mit dieser Haltung begleitete er mich durch meine Ehejahrzehnte. Keinen Tag war ich während meiner unverschuldeten Arbeitslosigkeit im Sozialbereich bei seiner Firma angemeldet, von Ersatzpensionszeiten, die er mir finanzieren hätte können, wollte er nichts wissen. Zu Weihnachten schenkte er mir einen Mund- und Nasenschutz.

Der Wechsel kam mir also wie gerufen und das Fieber der inneren Hitze fuhr mir ins Gehirn. Wenn ich etwas sicher wusste, dann war es das: Nie wieder würde ich so leben, wie in den letzten zwanzig Jahren. Meiner Mutter, der Feministin, sei Dank, dass sie mir schon im Kindergartenalter darüber Vorträge gehalten hatte, dass eine Frau berufstätig sein muss und ihr eigenes Geld braucht. Auf diese Art und Weise konnte ich den Kindern neben der Zusatzversicherung auch so manchen Computerkurs und ähnliches finanzieren, was mein Mann nur für hinausgeschmissenes Geld gehalten hatte – und mir dräut eine kärgliche, aber immerhin eigene Pension. Nein. Ich würde nicht weitere Jahrzehnte neben einer heraushängenden Steckdose schlafen, die Verantwortung für sich chronisch verstopfende Abflüsse übernehmen und wegen Abstattungsaufforderungen von Konsumkrediten nicht ans Meer fahren. Diese Zeiten waren vorbei.

Wie in Lola rennt, kamen mir Visionen verschiedener Austrittsszenarien vors innere Auge. Bilder vom Scheitern und Bilder vom Weitermachen. Eines aber war vollkommen klar: Oma geht.

Die Feministin und der Piefke

Rital Santoro Falsone spricht über ihr poyglottes Leben als Weltenbummlerin. Mit bald 80 Jahren ist sie nach wie vor voller Pläne für neue literarische Projekte.

Anita und Gernot, unser Datingplattform-Pärchen, kommt endlich, endlich zur Sache. Da gab es schon Anfragen, wie lange das noch so weitergehen soll, ohne einen Schritt vorwärts. Bitte! Nun haben sie es geschafft.

Willi Walter ist der Kommissar, also eigentlich ein degradierter, denn nach einem Fehltritt ist er nur mehr Polizeimeister in einer kleinen, bisher namenlosen Ortschaft. Aber wie es seine Aufgabe ist, geht er um. Und nicht nur das! Er fällt auf ein Schwein und trifft am selben Schauplatz auch noch auf seine Ex-Frau, die mittlerweile Karriere gemacht hat. Sein Leben ist nicht leicht. Aber wer hat schon ein leichtes Leben?

Wir bedanken uns bei unseren Hörerinnen und Hörern für ihre Aufmerksamkeit und freuen uns über eure Kommentare.

Solltet ihr eine der Folgen nachhören wollen oder interessiert es euch, welche Sendungen wir schon gemacht haben – oder was der Piefke ohne Feministin produziert hat? Hier gehts zum Cultural Broadcasting-Archiv des Freien Radio Salzkammergut:

Werbung 2021

Sie möchten um zwei, drei Jahre jünger aussehen?

Sie holen ihre Tochter von der Schule ab und werden für ihre Schwester gehalten! Allein das richtige Auto macht es möglich.

Nach dem Abgasskandal finde ich diesen Genderskandal echt hinreißend.

Und was sagen die Verantwortlichen, angesprochen auf dererlei unglaublichen Sexismus? – Das sei doch ein Kompliment. Diese Werbung setzt auf starke Frauen. So hat man auch im vorigen Jahhrhundert schon gute Werbung gemacht. Kunst hat eben Tradition. Und Werbung ist Kunst.

Kunst zeigt eben gerne nackte Frauen, und Werbung bedient sich unserer Wünsche. Frauen wollen schön sein und ewig jung. Plakative Werbung hilft uns dabei. Auch in diesem Jahrhundert. Ja, ja! Die Boys von der Automobilindustrie wissen, wie der Hase läuft.

Wenn Frauen in das Alter kommen,

in dem sie ihre Zehennägel nicht mehr selbst schneiden können,

merken sie meistens, dass etwas nicht so ist, wie es sein sollte.

Davon hätten sie niemals geträumt,

dass sie eines schönen Tages ihre Zehennägel nicht mehr

selber schneiden können.

Sie bitten ihre Freundinnen oder ihre Töchter, ihnen zu helfen,

oder sie gönnen sich eine professionelle Pediküre,

bevor der Sommer kommt.

Das kostet nicht die Welt.

Wenn Männer in das Alter kommen,

in dem sie ihre Zehennägel nicht mehr schneiden können,

haben sie entweder Ehefrauen, die ihre Zehennägel schneiden,

oder Zweitfrauen oder Geliebte, die ihnen gerne die Zehennägel schneiden,

oder sie können sich ohne Probleme Fußpflegen leisten

und während sie den Service genießen,

hängen sie denselben Träumen nach,

die sie schon in ihrer Jugend pflegten.