Küssen kann man nicht alleine

Schwanger werden auch nicht

Küssen kann man nicht alleine, hat schon Max Raabe gesungen und war damit sehr erfolgreich.

Christian Fiala, Facharzt für Frauenheilkunde, erläutert in seiner Außensicht in der Kleinen Zeitung vom 27. Jänner, warum eine Gesellschaft Verantwortung trägt, wenn Frauen ungewollt schwanger werden. Und er legt schlüssig dar, warum sich gerade aus der daraus resultierenden unterlassenen Hilfestellung eine sinkende Geburtenrate ableiten lässt. Denn wenn Frauen nicht in der Lage sind, für die Kinder zu sorgen, die sie schon haben, entscheiden sie sich dafür, etwaige weitere Kinder nicht zu gebären. Da hilft das Kriminalisieren von Schwangerschaftsabbrüchen nichts. Jemandem die Rute ins Fenster zu stellen, dem das Wasser bis zum Hals steht, weil er eine mitgenannte Sie ist und vielleicht dazu noch schwanger, ist mehr als unvernünftig. Das sagt uns der Hausverstand.

Warum aber machen wir das Kinderkriegen und Kinderhaben nicht schöner für alle Betroffenen? Und all jene, die keine Kinder wollen, sollen auch keine bekommen müssen. Was wäre einfacher? Es ist ein Leichtes und allenthalben Praktiziertes alle jungen Männer einzuberufen und mit ihrer Wehrdienstpflicht zu konfrontieren. Kein administrativer Aufwand ist zu groß für Heimat, Ehr und Vaterland. Was man hingegen nicht kann und wohl auch nicht will ist, alle PflichtschülerInnen so aufzuklären, dass sie sich ihrer Verantwortung, die sie für Sexualität und Fortpflanzung tragen, bewusst werden. Ethikunterricht beginnt beim Selbst, und mein Selbst existiert durch meinen Körper, für den ich Verantwortung trage, ebenso, wie die Gesellschaft Verantwortung dafür trägt, dass es nicht zu ungewollten Schwangerschaften kommt. Aber in einer Kultur, in der Menstruationshygiene selbstredend hoch besteuert wird, wird natürlich über Verhütungsmittel nicht gesprochen. Wer sie wie verwendet und wer sie bezahlt, das sind Themen, die bleiben fein säuberlich ausgespart.

Die Jungfräulichkeit und der Schutz des Hymen scheinen ein allen Religionen gemeinsames Anliegen zu sein. Unsummen von Geld werden ausgegeben für die Wiederherstellung von Jungfernhäutchen, die Beschneidung von Mädchen auch in Europa und für Abtreibungen. Sind Menschen, die solchen Praktiken ausgesetzt sind, Menschen oder wandelnde Reliquienschreine? Würden Sie nach einem Verkehrsunfall für alle Kosten aufkommen, oder gäbe es eine Versicherung, die ihre körperliche Unversehrtheit sicherstellt? Risikoeinschätzungen sind das A und O der Wirtschaft. Nur bei den Frauen kann man sich weiterhin sicher sein, dass sie sich wie Melkkühe behandeln lassen, weil sie ja nicht einmal im Stande sind, ein bisserl Frauensolidarität zu zeigen. Wahrscheinlich sind die wenigsten von ihnen überhaupt in der Lage zu entscheiden, ob und wie viele Kinder sie haben wollen. Da lässt sich leicht dreinreden, denn wer die Kosten, den Pflegeaufwand und den Rest vom ganzen Spaß trägt und dann auch noch selbst daran Schuld ist, ist vollkommen klar.

Wir brauchen nicht nur Unterstützung bei gewollten und ungewollten Kindern. Wir leben unseren Töchtern vor, was sie in Zukunft erdulden werden müssen. Bevormundung. Entrechtung. Das unsichtbare Kopftuch.

Dass Selbstbestimmung ein Grundrecht ist, die Entscheidung, was mit meinem Körper passiert, nur ich treffen darf und jede Art von persuasiver Übergriffigkeit hintanzuhalten ist, scheint immer noch zu überraschen, besonders jene, die sich in ihre Lebensplanung sicher nichts dreinreden lassen.

Blickrichtung

Man kann zwar nicht immer bis zum Meer sehen, aber man kann bis zum Meer denken.

Das fällt mir ein, wenn ich heute meine Kleine Zeitung aufmache und Peter Strasser die Frage der Woche stellt: Ist die gezielte Tötung als Mittel der Politik legitim?

Und es wäre nicht Peter Strasser, mein alter Philo-Prof aus längst vergangenen Tagen, wenn er sich die Antwort leicht machen würde, was uns wiederum das Lesen zum Genuss werden lässt.

Die “Terminierung eines Menschen durch eine Kampfdrohne” am 3. Jänner entspricht einer gerechten oder gerechtfertigten Handlung schon deswegen nicht, weil es sich nicht um einen Kriegsakt handelt, der nur dann vorliegen könnte, wenn Krieg zwischen den beiden betroffenen Staaten herrschte. Soviel leuchtet ein. Es handelt sich also tatsächlich, wie Strasser schreibt, um “das verantwortungslose Muskelspiel eines Mannes im Weißen Haus, dem moralische Skrupel weitestgehend fremd sind. […] dessen unberechenbares, affektgetriebenes Agieren seine engsten Berater in Schrecken versetzt und der nicht willens oder unfähig ist, die komplexen Konsequenzen seines Handels abzuschätzen.”

Hass ruft wieder Hass hervor und kann nicht Vergeltung sein für ein Taktieren in Terrornetzwerken oder für die Tötung von Soldaten, die in Krisenregionen friedenssichernde Dienste leisten, weil das ihr Beitrag zum humanistischen Gedanken ist, der menschliches Leben über alles stellt.

Wir fühlen uns den Menschenrechten verpflichtet, die für alle Menschen gelten und in Österreich im Verfassungsrang stehen. Daran sollten wir denken, wenn wir Politik interpretieren und kommentieren. Egal ob es sich um die gezielte Tötung einer einzelnen Person handelt, oder um Menschen, die im Meer ertrinken, weil sie ihre Hoffnung auf ein besseres Leben nicht aufgeben. Wie Christoph Riedl in seinem fb-Post so schön fragt: Wie können Christen die Schöpfung bewahren aber Menschen nicht retten wollen?

Glem in Slov. Istrien

Auch wenn wir von unserem Standpunkt aus nicht immer bis zum Meer sehen können, so wissen wir doch, dass es vorhanden ist. Wir können denken und abschätzen, was machbar ist. Wir können mitfühlen und vorausspüren. Wir können unserem Blick Richtung geben und das Schöne sehen und wollen, in unseren Worten, Werken und Taten. Im Weißen Haus und in unseren Wohnungen und beim Sonntagsspaziergang.

Sulmseeblick vom Silberberg

Angelobung

Heute wird die neue Regierung angelobt. Damit fallen Entscheidungen für unsere nähere und ferne Zukunft. Wir alle beobachten gespannt, was geschieht, wie sich die neuen Ministerinnen und Minister auf ihr Amt einlassen.

Im Anhang bringe ich euch den Text von Andreas Wabl, dem grünen Urgestein und Gründungsmitglied der Partei. Doppelseitig war er mit seiner fiktiven Rede an den Bundeskongress am 3.1.2020 in der Kleinen Zeitung.

Auch im Anschluss hier zum Nachlesen:

Liebe Freundinnen und Freunde der Grünen Bewegung,
liebe Delegierte des Bundeskongresses,

eine Gruppe entschlossener Menschen(Gerd,Fritz,Fritz,Franz,Mathias,Andreas und Christian)
hatte sich im Jahre 1982 im Schloss Trautenfels getroffen, um eine Partei zu gründen.

Wir hatten  die Friedensbewegung mitgemacht, aus den 68ern gelernt, die Emanzipationsbewegung kam in Schwung, die Ökologie-und Antiatombewegung formierte sich weiter, erste Erfahrungen als alternative Gemeinderätinnen wurden gemacht und wir hatten den festen
Willen, eine politische Organisation, eine Partei  zu gründen, die anders war als die damals und heute bestehenden. Und wir hatten einen Traum: Die Vorstellung von einer gerechteren Gesellschaft, die eine “Alternative”
zur bestehenden werden sollte.

Heftig bekämpft von den Etablierten rangen wir um die Anerkennung
einer gemeinsamen politischen Grundlage für unsere Anliegen.
Wir sahen den Wald bedroht und unsere Flüsse vergiftet. Der zweitgrößte Fluss Österreichs, die Mur, war der am meisten verschmutzte Europas!!!
Viele dieser Anfänge scheinen gänzlich vergessen zu sein.
Die Grünbewegung begann nicht mit dem Einzug ins Parlament,
nicht mit der Bürgerinitiative Parlament (BIP).
Vor der Partei waren Bewegungen. Daran möchte ich erinnern, weil aus der Verkennung und dem Vergessen der
Geschichte Fehler entstehen.
Die Wiederholung der Fehler hat unter anderem dazu geführt, dass wir aus dem Parlament geflogen sind.

Beim ersten Bundeskongress in Klagenfurt nannten wir uns dann
“Die Grüne Alternative”.

Heute soll dieser Kongress beschließen, dass die Nachkommen der Gründungsgeneration
eine Regierung mit .den “neuen” Konservativen eingehen.
Und er soll über ein “Paket” urteilen, das den Delegierten erst kurz davor
zugeschickt worden ist.
Woher eigentlich plötzlich die Eile?
Wäre es nicht notwendig, dem Kongress ein echtes Mitspracherecht einzuräumen?
Dass auf ihm noch jene Stimmen vorgebracht und bedacht werden, die
zu einer Nachverhandlung führen könnten.
Alles ist so angelegt, dass das unmöglich erscheint.

Vorab: Ich bin für ein Ja zu dieser Koalition mit den Konservativen.


Wir sind ja selbst, was die Umwelt betrifft, “konservativ”, aber ich bin
dagegen, dass bei der Erstellung des Regierungsprogramms
davon ausgegangen wird, dass es ZWEI WELTEN gibt, die der ÖVP
und die der GRÜNEN und deren Wahlkampfforderungen.


Haben wir nicht immer gesagt, dass es nur EINE Welt gibt ?
Die Welt richtet sich nicht nach den Wahlslogans der Parteien, auch nicht
nach denen der GRÜNEN. Die Klimaschutzbewegung ist die Folge der
realen Zerstörung von Umwelt und Lebensmöglichkeiten und der Träume all zu vieler Jugendlicher auf unserer Erde.
Wir wissen, dass sich die Produktionsbedingungen tiefgreifend
verändern müssen, wenn wir die Welt vor der unheilbringenden
Erwärmung retten wollen.
Das haben die Grünen Mandatare als erste in die politische Arena
gebracht. Erforscht haben es die Wissenschaftler und groß ins
Gewissen der Welt gerückt haben es die Hunderttausenden, die
auf der ganzen  Welt diese Erkenntnisse ERNST genommen
haben und die politische Konsequenzen forderten.
Das hat die Grünen nach schweren inhaltlichen und strukturellen Fehlern wieder ins Parlament gebracht!

Die Jugendlichen wollen den Wechsel “jetzt”!
Wissen sie, was es heißt und wollen sie es wissen, was es heißt mit
Routiniers der Macht und der Verwaltung zusammen zu arbeiten?
Wissen das unsere Designierten?

Haben wir in den Bundesländern gezeigt, wie die Antwort in einer Koalition lauten muss?


Als der Innsbrucker Bürgermeister den Vorschlag machte, dass das
Finanzministerium verlangt werden soll, hat man ihm rasch erklärt,
er solle solche “Zwischenrufe” unterlassen und bescheiden wie er
ist, hat er das dann auch kürzlich gleich eingesehen.
Warum so bescheiden ?
Warum die Zurückhaltung?

Was soll das?
Was ist da los?

Greta Thunberg, oder “System change, statt Klimachange”
sprechen eine andere Sprache.
Wie sollen die GRÜNEN Einfluss auf die Geld – und Wirtschaftspolitik
nehmen können, wenn sie sogar auf ein Staatssekretariat im Finanzministerium verzichten mussten? Während die ÖVP selbstverständlich einen Staatssekretär ins neue große Umweltministerium setzt, geben wir diesen wichtigen Anspruch auf!
Wieso übernimmt Werner Kogler  nicht das Wirtschaftsministerium, in dem die Weichen für ein neues Wirtschaften gelegt werden müssen ?
Haben die VertreterInnen der “konservativen” Wirtschaftspartei schon
begriffen und gezeigt, was es zu tun gilt?
Darf man sie ohne weiteres, auch wenn man grundsätzlich anderer Meinung ist,
“ihre Wahlversprechen” erfüllen lassen ?

Ich bin hier nicht stimmberechtigt.
Trotzdem bringe ich den Antrag ein:
Kogler soll Wirtschaftsminister werden oder es soll ein grünes Staatssekretariat im Finanzministerium eingerichtet werden .

Den  Machtverhältnissen aus den Wahlen mag dies nicht entsprechen, aber ich bin überzeugt, dass  in den Ressorts Entscheidendes von grüner Seite eingebracht werden könnte.
Hätten Schramböck oder Blümel die Ökologische Dimension in ihr politisches Handeln integriert, würde ihr Weg anders aussehen,

Vor allem wäre bereits eine Ökosoziale Steuerreform ihrerseits auf dem Verhandlungstisch gelandet und es müsste nicht unser Herzstück einer effizienten Klimapolitik auf 2022 vertagt werden.

Josef Riegler, ehemaliger Landwirtschaftsminister und Vizekanzler, wagte ökologische Reformen schon vor mehr als 30 Jahren und wurde als ÖVP-Chef brutal demontiert. Franz Fischler, einst mächtiger Eu- Kommissar, hat vor 10 Jahren  eine ökologische Steuerreform eingefordert. Seine Partei hat immer gebremst. 2008 sollte nochmals unter Bundeskanzler Gusenbauer eine ökologische Steuerreform verhandelt und beschlossen werden. Die Grundlagen wurden von den Expertinnen im Bundeskanzleramt erarbeitet und vorbereitet. Eine hochkarätige Arbeitsgruppe wurde mit Ex-Finanzminister Lacina,  Fischler und dem damaligen Klubobmann der Grünen Van der Bellen formiert. Umweltminister Pröll ließ nach relativ kurzer Zeit ausrichten: „Das Unternehmen ökologische Steuerreform ist vorbei!“

 Und  jetzt versucht Kurz nochmals mit seiner neuen ÖVP (das letzte Mal?) die Grünen Verhandler zu bremsen.

Werner Kogler  muss die Diskussion mit der  Beamtenschaft und mit der ohnehin schon zum Teil aufgeklärten
Bevölkerung organisieren, damit sich bei der Regierung und der gesetzgebenden parlamentarischen Körperschaft die tiefen und grundsätzlichen Erkenntnisse der Erneuerung durchsetzen und in Gesetze gefasst werden und so Regeln unseres Lebens politisch neu angelegt werden,
In Frankreich sieht man, dass die Regierung viele Fehler macht, weil sie zu zentralistisch und abgehoben agiert. Davor sind auch Grüne keinesfalls gefeit.
Macht Euch auch an die Überzeugungsarbeit und verliert Euch nicht.
Die Basis der Erneuerung liegt in der Bewegung. Die Regierungsarbeit kann eine Krönung sein oder das zu frühe Ende.

Ich wünsche euch eine kluge Entscheidung und der neuen türkis-grünen Regierung alles Gute!

AndreasWabl

ehem.Klubobmann der Grünen im Parlament

Christian Wabl

Künstler

Wer verweigert, …

muss mit Sanktionen rechnen

Die neue Frauenministerin fährt eine stringente Linie. lässt uns der Standard wissen. Endlich haben wir eine Regierung, der Frauenangelegenheiten so wichtig sind, wie Migrationsfragen. Meine Hoffnungen und mein Glaube in Susanne Raabs kundige Hände!

Wer sich nicht an Vereinbarungen hält, soll sanktioniert werden. Nun schließen wir endlich den Gender-Pay-Gap, weil wir alle uns doch längst darauf geeinigt haben, das Männerarbeit und Frauenarbeit gleich viel wert sind. Oder gaukeln PolitikerInnen uns eine Wirklichkeit vor, die es gar nicht gibt, wie die Sprachwissenschafterin Elisabeth Schrattenholzer das im Gespräch mit Renata Schmidtkunz erläutert? (Schnell noch bis Freitag auf Ö1 nachhören!!)

Nachdem ich jahrelang die Idee verfochten habe, Integrations- und Frauenangelegenheiten doch zusammenzulegen, weil eine Gesellschaft, die nicht einmal in der Lage ist, die eigenen Frauen – also 52% ihrer Mitglieder – zu integrieren, auch Fremde – und seien sie noch so willig – nicht integrieren kann, kommt es jetzt zur Nagelprobe.

Wir werden sehen, ob weiterhin Menschen, die Integrationsvereinbarungen nicht erfüllen, konsequent mit Leistungkürzung und -entzug bestraft werden, so wie das ja auch bisher und rechtens der der Fall war. Und wir werden sehen, ob in Zukunft tatsächlich jene sanktioniert werden, die sich an die Vereibarungen zu Geschlechtergerechtigkeit und Gleichbehandlung nicht halten bzw ob es zur Bringschuld wird, dass man innerbetriebliche und öffentliche Gleichbehandlung nachweisen muss. Wer Deutschkurse besucht, ist verpflichtet, den Erfolg bei der Behörde aktenkundig zu machen. Wer gleichen Lohn für gleiche Arbeit zahlt, kann das vielleicht auch bald belegen (müssen).

Meine Unterstützung ist der neuen Ministerin jedenfalls gewiss. Klare Vorschriften, klare Sachverhalte. Das haben wir uns verdient, wir Integrationswürdigen. Wir Frauen.

In medias res: Integration

Ja, wo leben wir denn, fragt sich zurecht ein namhafter Journalist am 22.12. in der Presse und heute in der Kleinen Zeitung. Wichtiger noch: Er stellt die Frage nach der Sinnhaftigkeit höchtgerichtlicher Entscheidungen. Nutzt uns Rechtsstaatlichkeit, oder schadet sie uns?

Ja, wo leben wir denn? Die meisten ÖsterreicherInnen meinen, dass mehr als 50.000 Asylanträge pro Jahr in Österreich gestellt werden, dass 35% der Bevölkerung MigrantInnen wären und dass vor allem moslemisches Volk die Mehrheit der Zugewanderten repräsentiere. Sozialhilfe, so vermittelt auch Herr Winkler in seinem Artikel von 21. 12. 2019, wäre eine kostenlose Leistung, an keinerlei Voraussetzungen geknüpft, die wer auch immer lustig sei, in Österreich beziehen könne. Oder schreibt er das nur so, um sein Mäntelchen in den Wind zu hängen, der „unwirtschaftliche und ineffiziente SteuerzahlerInnen“ von Bord des europäischen Schiffes wehen soll?

Die Volksmeinung über „den Ausländer“ findet weiterhin gern Verbreitung, wohl auch weil Mediengurus wie Herr Winkler diese Haltung gut heißen und schüren und selbst vertreten. Ich möchte Sie jetzt nicht fragen, Herr Winkler, wie viele Menschen in ihrem Freundeskreis Migrationshintergrund haben, denn Freundschaft ist ein Geschenk. Die richtigen Freunde zu haben, ist in Österreich – und nicht nur hier – wichtig, daher ist in Vergessenheit geraten, dass Freundschaft ein beidseitiges Wohlwollen bedeutet. Was bedeutet Integration für Sie, Herr Winkler, und wie soll Ihrer Meinung nach Integration stattfinden? Die Art und Weise wie Sie sich über höchstrichterliche Entscheide lustig machen, lässt mich vermuten, dass Sie es sind, der im Elfenbeinturm wohnt.

Neulich habe ich mit den Kindern meiner Freundin die Aufgaben gemacht. Beide besuchen die Volksschule. Nachmittags sind sie immer im Hort, denn beide Eltern arbeiten ganztags, auch am Wochenende. Zu diesem Thema empfehle ich sehr den neuesten Loach-Film, den man sogar in Izola im Kino sehen kann: Sorry We missed you, in dem es um Working Poor Families geht.

Aber bleiben wir bei den MigrantInnen, die wir kennen, Sie und ich, Herr Winkler, denn offensichtlich ergibt sich da in der Beobachtung eine Diskrepanz, die mir nicht unwesentlich erscheint.

Fatma müht sich mit der Hausübung ab. Starke Verben. Sie hört nicht, wie muttersprachliche Kinder, ob es schlafen – schlief – geschlafen heißt oder ob das Präteritum vielleicht schlafte ist, oder schluf oder schloff. Ihr klingt alles gleich, denn niemand las ihr Grimms Märchen oder andere Kinderbücher vor und wenn ihre Eltern nach Hause kamen, dann sprachen sie über die Arbeit, die Organisation der Familie, die notwendigen Dinge, auf Türkisch. Obwohl beide über das amtlich vorgeschriebene Zeugnis im Rahmen des Europäischen Referenzrahmen verfügen. Sie haben für ihre Deutschkurse selbst bezahlt, weil sie ja berufstätig waren und daher keinerlei Unterstützung von öffentlichen Einrichtungen beziehen konnten. Sie Herr Winkler, tun so, als hätten Fatmas und Mohamads Eltern unsere Politik als schikanöse Symbolpolitik bezeichnet, stattdessen haben sie teure Privatstunden und Prüfungsgebühren mehrmals bezahlt, um das zu erreichen, was ihnen unser Gesetz vorschrieb. B1 als Sprachniveau zu erlagen, ist auch gar nicht so einfach, wie es in Ihrem Artikel aussieht. Wie viele Sprachen werden denn von Ihnen und Ihren Verwandten auf B1 Niveau beherrscht?

Fatma hat eine Liste mit 100 starken Verben, die sie ausfüllen und beim dräuenden Test beherrschen soll. Sie weint nicht. Sie kämpft. Tapfer schreibt sie an meiner Seite.

Mohamad sitzt neben uns und malt seine Weihnachtsbild. Die Familie unter dem Christbaum, den es in ihrer Wohnung noch nie gab. Der Bub brabbelt vor sich hin. Obwohl er zwei Jahre im Kindergarten war, konnten wir uns vor drei Monaten noch gar nicht miteinander unterhalten, ohne Fatmas Hilfe und Übersetzung. Er hat sich eben im Kindergarten nur mit türkischsprachigen Kindern abgegeben, lautet eine der offiziellen Entschuldigungen dafür.

Ich komme aus DER Türkei. Ich komme aus DER Türkei. Das wiederholt er immer und immer wieder. Bis es mir auffällt.

Hallo, sage ich. Was sagst du?

Das habe ich in der Schule gelernt, sagt er ganz stolz. Am Anfang hat es ihm Probleme gemacht, die neuen Wörter und Gedichte über pudelnasse Mützen und die Wi- Wa- Weihnachtsmaus zu behalten und zu memorieren, aber nun lernt er rasch. Und was lernt er?

Ich komme aus DER Türkei. Sehr richtig und wichtig: Woher steht mit Dativ. Grammatikalische Genauigkeit von Anfang an!

Entschuldige, sage ich. Weißt du nicht, wo du geboren bist?

Sicher, sagt er. Deutschlandsberg.

Und die Fatma. Wagna.

Und ich bin in Graz geboren, sage ich. Bei uns hier am Tisch kommt niemand aus der Türkei.

Sicher, sagt er, wenn ich vom Urlaub bei der Oma zurückkomme. Im Sommer.

Alle lachen.

Mama und Papa kommen aus der Türkei, sagt Fatma.

Ja. Aber auch deine Mama ist schon hier in den Kindergarten gegangen, sage ich.

Mit dir, fragt Fatma.

Nein, sage ich. Deine Mama ist ja zwanzig Jahre jünger als ich.

Deswegen kann sie nur wenig Deutsch, weil sie wahrscheinlich auch nur türkische Freundinnen im Kindergarten gehabt hat, vermutet Fatma systemimmanent kongruent.

Das Mädchen scheint mit ihren Rückschlüssen auf das System und seine Leistungen, die denn hier von ihnen und uns allen zu erbringen wären, weitaus mehr am Puls der Zeit und der Realität als Sie, Herr Redakteur. Noch keine 10 Jahre alt und hat schon geschnallt, dass du nicht in der Türkei geboren sein musst, um hier in Österreich zur Türkin zu werden.

Fatma will Lehrerin werden, sagt sie. Sie hat Bilder von sich als Kindergärtnerin und Lehrerin gezeichnet. Wenn sie aber ein Referat vorbereiten muss, macht sie das mit ihrer türkischen Freundin, die im selben sozialen Wohnbau lebt wie Fatma.

Wäre es nicht besser, Fatma würde solche Arbeiten mit einem anderssprachigen Kind erledigen, es gibt neun verschiedene Sprachen in der Klasse? Das überlassen Sie dann schon bitte mir, sagt die Lehrerin spitz. Warum kommt den die Mutter nicht zum Elternsprechtag?

Die arbeitet.

Das Leben ist schon auch ein bisserl Einteilungssache, antwortet die Lehrerin, die es sich so eingeteilt hat, dass auch ihre Eltern schon den Lehrberuf ausgeübt haben.

Ja. Sie scheint das Weltbild von Herrn Winkler zu teilen. Wo kommen wir da hin, wenn alles ohne Mühe und Aufwand kostenfrei ist, wie zB ein Elternsprechtag.

Die kleine Greta glaubt daran, dass wir das Klima retten wollen und können.

Fatma und ich glauben daran, dass ein friedliches und gerechtes Miteinander möglich ist. Auch in der medialen Berichterstattung.

Technikmania unserer Tage

Seit 48 Stunden bin ich stolze Besitzerin einer eigenen Hompage. Worte wie Domain, Server, Pugins, Dashboard, … sagen mir wenig bis gar nichts.

Ich schreibe gerne Leserinnenbriefe und Kommentare, eigentlich fast täglich. Schreiben ist für mich sehr wichtig. Zumindest ebenso lebensnotwenig wie der Kontakt zu anderen Menschen, ist mir der Kontakt zu mir. Und den stelle ich über Verschriftlichungen meines Innenlebens her. Ein Jahr zurückgelesen, erstaunt mich oft sehr, was ich damals geschrieben habe, aber dank der Aufzeichnungen, kann ich mich dann erinnern und mich wieder in mich hineinversetzen. Nachvollziehen, wie das vormals war.

Wenn meine Leserinnenbriefe nicht oder nur teilweise oder manchmal auch teilweise sinnentleert veröffentlich werden, weiß ich: Das ist halt so. Das entmutigt mich nicht. Medien haben ihre eigene Logik.

Wenn jemand einen Post auf meiner neuen Hompage hinterlassen will und das schon mehrmals glücklos versucht hat, weil er immer eine Mailadresse sieht, die ich nicht habe, dann stellt mich das vor ganz andere Herausforderungen. Die IT ist nicht direkt mit mir befreundet. So gerne ich auch der Technomania unserer Tage anhängen möchte, sie schüttelt mich ab, immer gerade dann, wenn ich mir besonders geschickt vorkomme.

Trotzdem, Heinz, danke für deine Mühe. Innerhalb der nächsten Tage sollte ich es eigentlich schon schaffen, deinen Post zu veröffentlichen und zu kommentieren.

Super Weihnachtsüberraschung!

Das Christkind hat mir eine Homepage gebracht!

Danke, Sofia!!

Poesiefestival in Moscenizka Draga